Acht Wochen wieder im Land…

…und so langsam aber sicher, kann ich schließlich behaupten, angekommen zu sein, also kommt hier nun die angekündigte Fortsetzung.

Auf dem Hinflug, soviel weiß ich noch, habe ich mir den Disney-Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 angeschaut, auf dem Rückflug wurde es dann die neuste Verfilmung dieses Märchens. So schließt sich also der Kreis und ich stelle fest, dass mein Filmgeschmack schon mal nicht zu den Sachen gehört, die durch das Jahr maßgeblich verändert wurden.

Neben mir sitzt eine junge Dame, etwa zehn Jahre älter als ich, und in den letzten drei Stunden vor der Landung kommen wir ins Gespräch. Sie ist zufällig auch aus Deutschland, aber als Kind von zwei Entwicklungshelfern die ersten Zehn Lebensjahre in Tansania aufgewachsen, und war nun als Tourist für zwei Wochen dorthin zurückgekehrt. Sie erzählt mir, wie auf dieser Reise, keiner ihrer Flüge geplant geklappt hat: der erste Flug verspätet, aus dem zweiten schon rausgebucht, den dritten deswegen nicht mehr erwischt, das Gepäck verschollen, nur ganz knapp diesen Rückflug bekommen, dem nur ganz wenig später der nächste Flug folgen sollte. Sie erzählt das Ganze mit einer Gelassenheit, ganz ohne Aufregung, fast schon mit Witz, und damit meine ich keinen Spott über Fluggesellschaften, sodass ich ihre Ruhe vor einem Jahr nicht einmal ansatzweise verstanden hätte. Und heute? Ich kann sie voll und ganz verstehen. Was nützen denn schon die Sorgen um die Vergangenheit? Wieso sollte man sich über etwas Geschehenes aufregen, wenn es sich ohnehin nicht mehr ändern lässt? Warum muss man sich Stressen, wenn man dadurch ohnehin nicht schneller ist, als wenn man es ganz in Ruhe angeht? Vermutlich habe ich gelernt, etwas Vergangenes so hinzunehmen wie es ist, und bei etwas Zukünftigem, das ich genauso wenig ändern kann, auf Gott zu vertrauen und mich vor allem nicht zu stressen.

Das Flugzeug landet schneller als erwartet. Ich frage noch schnell nach dem Namen meiner Nachbarin, die jetzt schnell aufsteht um in weniger als einer Stunde durch alle Sicherheits- und Passkontrollen zum Anschlussflug zu gelangen. Ich habe da ja zum Glück ein wenig mehr Zeit in Amsterdam, bevor mein Anschlussflug nach Düsseldorf startet, und kann also warten, bis alle anderen Fluggäste ausgestiegen sind, um dann meine sieben Mitfreiwilligen wiederzufinden. Es geht also durch einen Sicherheitscheck, einen „Nacktscanner“ und eine Passkontrolle, bis wir schließlich diese alt bekannte und irgendwie doch vergessene Welt wieder betreten dürfen. Jeder von uns schnappte sich also einen wirklich schönen Handgepäck-Wagen, um damit durch den Flughafen zu cruisen. Hier ist ein Laden, der nur Schokolade verkauft, und dort gibt es eine riesige Käsetheke. Der Geldautomat gibt Euros, und von den vielen Frühstückbars, die es hier gibt, ist jede die „gesündeste“, „fairste“ oder „biologischste“, und selbst wenn man sich dann mal für eine entschieden hat (ganz einfach die nächste an unserem Gate), muss man noch mit der riesigen Auswahl an heißen und kalten Getränken, süßem und herzhaften Gebäck, an Süßigkeiten und Obst fertig werden. Da ich mich nicht entscheiden kann, ob ich lieber einen Tee mit weißem Zucker, mit braunem Zucker, ohne Zucker oder mit Süßstoff trinken soll, oder doch einen Kaffee mit Soja- oder fettarmer Milch nehme, entscheide ich mich schließlich für ein einfaches Croissant. Kenya-shilling stehen nicht auf der Liste, die die zwanzig Währungen zeigt, die in diesem Laden angenommen werden. Also bezahle ich mit Dollar einen Croissant, für einen Preis, für den ich In Kenia ein ganzes Frühstück für zwei Personen hätte bekommen können. Und nachdem ich den aufgegessen, die Zähne geputzt und die Leggins schließlich wieder gegen den Rock getauscht hatte, hieß es also warten.

Als ich morgens um halb sechs aus dem Flugzeug gestiegen war, war die Sonne gerade am Aufgehen. Drei Stunden später, war die Sonne nun noch immer noch nicht so ganz aufgegangen. Es war schon ein ausgesprochen komisches Gefühl, und irgendwie wurde ich auch ungeduldig, denn in Kenia war ich schließlich gewöhnt, dass die Sonne nach zwei Stunden so hoch steht, dass sie sich nicht mehr in meinem normalen Blickfeld befindet. Aber das ist wohl nur eine Sache, an die ich mich jetzt gewöhnen muss.

Um Zwölf war es dann schließlich so weit, und wir starteten unsere letzte Etappe nach Düsseldorf. Dort ausgestiegen ging es erstmal zum Gepäckband, in einer riesigen orangenen Halle, in der riesige Werbeplakate hingen, deren Werbung so blöd war, dass ich mich heute noch an die Marke erinnere. Als wir dann endlich unsere Koffer hatten, kam dann der nächste schwere Abschied. Noch bevor wir durch die Türen zu Familien und Freunden gingen, wurde zunächst einmal jeder meiner Mitfreiwilligen umarmt und gleichzeitig die besten Wünsche auf für die nächste Zeit gewünscht.
Hinter der Tür wurde ich dann empfangen, von meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinem Freund Anno und meiner besten Freundin Julia. Dann ging es nach Hause. Auf dem Weg sah alles gleich aus. Das Parkhaus am Flughafen, wo das Auto stand, sah genauso aus wie letztes Jahr, als wir hier parkten, um mich wegzubringen. Die Autobahn und jede weitere Straße sah aus wie immer, ich hatte sie genauso in Erinnerung, als wäre ich am Vortag erst da gewesen. Natürlich ist das logisch, wieso sollte sie sich auch verändert haben, trotzdem gibt mir alles das Gefühl, als wäre ich nie weg gewesen, als sei das vergangene Jahr nur ein Traum gewesen, aus dem ich nun leider aufgewacht bin, als hätten die staubigen Straßen, voll mit Hubbeln und Schlaglöchern, auf denen Fahrräder zwischen großen Lastwagen, Kindern in Schuluniformen und Frauen mit Babys auf dem Rücken fahren, und bei denen man sich nicht wundert, wenn man auf einem Motorrad vier Personen mit zehn Hühnern, einer Ziege und fünf Stangen Zuckerrohr im Gepäck sieht, als hätte all die Matatus, die Pikis und all das andere nur in meinem Kopf existiert.

Nach fünfzig Wochen betrete ich also wieder unser Haus. Von außen sieht man keinen Unterschied und auch mein Zimmer hat sich kaum verändert, lediglich ein paar Sachen sind an einem anderen Platz, nachdem das Zimmer während meiner Abwesenheit als Gästezimmer genutzt wurde. Im Wohnzimmer allerdings gibt es einige neue Möbel. Zum Glück! Endlich mal etwas, das sich verändert hat; ich bin schon richtig froh, als ich beim Tischdecken das Besteck nicht auf Anhieb finde.
Erstmal wird der „Willkommen zu Hause“-Schokoladenkuchen, den meine Schwester gebacken hat, gegessen und anschließend gibt es noch ein Eis. Bei einem Familientreffen bei Stapels sehe ich auch Father Oscar wieder und weil die Hin- und Rückfahrt natürlich mit dem Fahrrad bewältigt wird, kann ich, nach fast einem Jahr, endlich wieder in den Genuss des Radfahrens kommen. Am späten Abend ging es dann noch auf die Geburtstagsparty von Constanze, die mich wohl am stürmischsten von Allen begrüßt hat. Schließlich fiel ich dann nach einem 41-Stunden Tag ins Bett.

Am nächsten Tag ging es dann in die Messe, und ich musste feststellen, dass diese nicht, wie ich zum Ende meines Aufenthaltes behauptet hätte, genauso wie die in Kenia ist. Anstatt den Kindern, die wirklich jede Ecke der Kirche ausfüllen, gibt es hier nur leere Bänke, auf denen es ab und an Flecken von überwiegend älteren Leuten gibt. Im Vergleich zu Kenia ist das ein wirklich trauriges Bild.
In ganz Kenia gibt es nicht viele Orgeln, vielleicht eine in Nairobi, eine in Mombasa, und ein paar weitere verstreut in andere größere Kirchen, aber niemals in einer, in die ich als Freiwillige jemals zufällig gelangt wäre (übrigens auch nicht in der Kathedrale von Kisumu). Obwohl ich also die Stimmung, die durch die Trommeln und die Rasseln entstanden ist, sehr mochte, und ich auch die Orgelklänge auf dem Key-Board tolerieren konnte, vermisste ich nach spätestens einem halben Jahr eine richtige Orgel doch schon so sehr, dass ich mich an Ostern fast schon sehnsüchtig zum Fernseher umdrehte, als in einem kurzen Nachrichtenausschnitt die Kathedrale von Nairobi gezeigt wurde, während die Orgel dort zu hören war. Doch als ich wieder in Lülsdorf war, und die Töne der Orgel in mir nichts anderes hervorgerufen haben als eine traurige Beerdigungsstimmung, sehnte ich mich umgehend wieder nach der Stimmung, die niemals so gut erzeugt werden kann, wie es in Kenia durch die Trommeln und die Rasseln der Fall ist.

Nach der Messe ging es dann weiter zum Pfarrfest in Mondorf, auf dem unter anderem die 40-jährige Partnerschaft gefeiert wurde. Es war sehr schön, die Meisten des Uradi-Arbeitskreises, aber auch viele Ehemalige Freiwillige wiederzusehen.

Montag ging es dann auch direkt zur Uni, um mich für Jura einzuschreiben. Lustigerweise habe ich Julia getroffen, die ich vom Vorbereitungsseminar kannte, und die nur wenige Tage vor mir von ihrem Weltwärts Jahr aus Ecuador zurückgekommen ist, was natürlich sofort Gelegenheit zum Unterhalten geboten hat.

Dienstags ging es mit Father Oscar ins Siebengebirge und es war ziemlich lustig, ihn in einer ganz anderen Umgebung zu erleben, als ich es aus Kenia gewöhnt war.

Und so gingen die nächsten Wochen dann weiter. Veranstaltungen, um das Jahr zu besprechen, wie das Abschlussgespräch bei Dominik, weitere Treffen mit Father Oscar, Veranstaltungen, die sich auf meine Zukunft bezogen, vorbereitend für das Jurastudium, Treffen mit Freunden und Bekannten, die so ablaufen, als wäre ich niemals weg gewesen und dazwischen immer Mal wieder kurze Zeit zum Nachdenken, um zu Reflektieren. Zwei Wochen nachdem ich angekommen bin, ist Father Oscar wieder nach Kenia geflogen, und einen Tag später auch unsere Nachfolgerinnen.
Ungefähr zu der Zeit, hörte auch der Sommer auf, sommerlich zu sein, und nach anderthalb Jahren musste ich widerwillig meine Wintersachen anziehen, und lernen, dass ich trotzdem friere.
Mitte September Stand dann noch das letzte Seminar, das Rückkehrseminar an. Wie immer waren alles sehr nette Leute. Endlich gab es mal am Stück Zeit und überhaupt Gelegenheit, über das Jahr zu sprechen, sich auszutauschen, erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, aber auch sehr viele Unterschiede festzustellen. Natürlich wurde auch viel über Themen gesprochen, wie man sich weiter engagieren könne, wie es allgemein weiter geht und wie man sich wieder eingelebt hat. Wenn Das Studium nicht so früh beginnen würde, hätte dieses Seminar noch ein paar Wochen später sein können, denn so ganz beendet ist das Jahr für mich noch immer nicht, und ich denke weiterhin darüber nach, als sei es erst gestern vorbei gewesen. Vielleicht wird es mir mit der Zeit, die vergeht, sogar wieder präsenter, als an den Tagen kurz nach meiner Rückkehr.
Ich denke, dass dieser Eintrag erst so spät erscheint, durch die voraussehbare Arbeit des Studiums und damit verbundene geringere Freizeit vielleicht sogar eher gezwungen als geplant, zeigt am besten, wie lange es sich gezogen hat und wie schwer es dann doch für mich war, hier in Deutschland wieder meine Strukturen zu finden und mich richtig einzuleben.
Noch immer bin ich damit beschäftigt, die Ordnung in meinem Zimmer wieder an mich anzupassen, obwohl mein Koffer schon lange ausgeräumt ist, und noch immer muss ich mich dazu zwingen, mich um Pünktlichkeit zu bemühen, auch wenn ich die Gelassenheit, die ich aus Kenia mitgebracht habe, eigentlich nicht verlieren möchte. Genauso musste mein Kleiderschrank umgeräumt werden, denn obwohl ich meine luftigen Kleider und Röcke gerne noch länger angezogen hätte, war ich dann schließlich doch gezwungen, meinen Herbst- und Wintersachen einen größeren und auch vorderen Platz in meinem Schrank einzuräumen.
Immer wieder denke ich auch an Kenia zurück, überlege, was dort gerade passiert, dass der Kindergarten wieder öffnet, und der dritte Term des Jahres dort bald sogar schon vorbei ist. Durch die neuen Freiwilligen bekomme ich mit, ob die Schulen dort streiken, oder auch was im Krankenhaus passiert. In ihren Berichten kann ich sogar wiedererkennen, wie ich selbst in meinen ersten Wochen dort war, und welche Eindrücke ich vor einem Jahr von den Menschen und der Kultur dort hatte, und bemerke natürlich noch einmal mehr, wie sehr diese sich dann über das Jahr korrigiert haben, oder sich vielleicht sogar voll und ganz ins Gegenteil umgewandelt haben.

Natürlich genieße ich es, wieder unter einer warmen Dusche stehen zu könne. Ich bin froh, meine Freunde und meine Familie wieder um mich zu haben, und habe letztendlich ja auch eingesehen, dass ich für immer in Kenia nicht glücklich werden könnte. Dennoch gibt es einige viele Momente, in denen ich mich wieder nach Kenia zurück träume, in denen ich meine warme Dusche und das gute Essen hier sofort gegen Ugali mit grünem Matsche-Gemüse und kaltes Wasser zum Waschen eintauschen würde. Ich freue mich ungeheuer aufs Studium, aber manchmal sehne ich mich auch zurück in das überwiegend unbeschwerte Leben, dass ich Kenia als Freiwillige hatte. Ich genieße den Herbst, mit dem Geruch der welkenden Blätter, mit der Dunkelheit, die es drinnen noch um einiges gemütlicher macht, die überhaupt erst die Möglichkeit bietet, Martinszüge mit Laternen zauberhaft aussehen zu lassen, und die es lohnenswert macht, sein Haus an Weihnachten mit hell leuchtenden Lichterketten zu schmücken, aber ich vermisse auch die Sonne Kenias, die zuverlässige Wärme, die uns 18°C, bei denen wir manchmal morgens zum Frühstück gehen mussten, schon als kalt bezeichnen ließ, und dazu 13 Stunden Helligkeit schenkte.

Ich bin keine Freiwillige, die von sich behauptet, dass sie durch dieses Jahr total verändert wurde. Man kann mir auch nicht ansehen, dass ich so viel davon mitgenommen habe, indem ich plötzlich nur noch barfuß herumlaufe, alles mit der Hand esse, oder immer irgendwelche „afrikanische“ Kleidung trage und die meisten Leute die ich getroffen habe, haben sogar bemerkt, dass ich kaum braun geworden bin (bei einer im Zenit stehenden Sonne werden eben nur Nase, Ohren, Schultern und Füße braun). Dennoch behaupte ich, und ich hoffe in den Kommentare jetzt nicht nur Widersprüche zu finden, dass dieses Jahr nicht ganz spurlos an mir vorbei gegangen ist. Man mag das vielleicht nicht direkt merken, wenn man sich kurz mit mir unterhält, aber mit der Zeit, und da bin ich mir absolut sicher, wird sich heraus kristallisieren, was ich neben Kleidern und Zuckerrohr aus Kenia mit nach Deutschland gebracht habe.

Am Ende dieses Beitrages, der vermutlich ebenso unordentlich ist, wie die Gedanken in meinem Kopf, möchte ich noch einigen Leuten danken.
Als erstes sind das Alle, die gespendet haben. Ohne diese finanzielle Unterstützung, wäre das Jahr sicherlich nicht so möglich gewesen, und auch insgesamt hätte das Programm „Weltwärts“ keine Zukunft.
Als nächstes danke ich den Mitgliedern des Uradi-Arbeitskreises, die sich nun seit 40 Jahren für die Partnerschaft engagieren, und die damit nicht nur den Freiwilligeneinsatz in Uradi und den anderen Dörfern initiiert haben, sondern uns auch während des Jahres mit Rat, Anregungen und Interesse zur Seite standen.
An dieser Stelle gilt natürlich auch ein großer Dank Dominik und dem gesamten FSD, der uns bei Problemen immer bestmöglich unterstützt hat, und auf den wir uns eigentlich immer, gerade auch bei den Problemen mit dem Visum, verlassen konnten.
Ein großer Dank geht auch an meine Mitfreiwilligen, vor allem natürlich an Elena. Ich habe natürlich viele Freunde in Kenia gehabt, aber dennoch tat es immer gut, auch mit jemandem zu reden, der genauso sozialisiert ist wie ich und der mich einfach versteht, wenn ich die Leute dort nicht mehr verstehe.
Zum Schluss danke ich natürlich noch meiner Familie, meinen Freunden und allen anderen, die mich aus Deutschland unterstützt haben, und die durch Emails, Kommentare, Briefe und auch durch das Lesen dieses Blogs Interesse an meinem Aufenthalt gezeigt haben.
Also:

VIELEN DANK!!

Vierundvierzigste bis fünfzigste Woche

Es ist sieben Uhr, der Wecker klingelt. Eigentlich ist das ungewöhnlich, die um sechs Uhr aufgehende Sonne hat mich stets früh genug geweckt, ein Wecker war nur dann nötig, wenn ich mich vor Anbruch des Tages aus dem Bett quälen musste, um gegen halb sechs mit Mama Flora nach Kisumu zu fahren, oder um beim Sonnenaufgang anfangen zu können Sport zu machen.

Heute ist einiges anders. Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies nun der erste Eintrag ist, der in Kenia an einem Freitag, nicht erst an einem Samstag erscheint, und die meisten werden sich denken können, dass dies nicht zum Grund hat, dass der Eintrag so viele Wochen abdeckt, dass er diesen einen, weiteren Tag nicht auch abdecken könnte.

Aus dem Bett quälen muss ich mich heute nicht wirklich. Eigentlich habe ich schon davor alle fünf Minuten auf den Wecker geschaut, wie viel Zeit ich noch zum Schlafen hätte, wenn ich es könnte. Ich hebe das Netz an einer Seiter hoch, um drunter her kriechen zu können. Mein Wecker steht stets neben der Tür, wenn er angeschaltet ist. So werde ich nicht nur geweckt, sondern auch direkt zum Aufstehen gezwungen, damit ich nicht direkt wieder einschlafe.
Heute ist dieser Wecker wirklich in zweierlei Hinsicht überflüssig. Erstens war ich bereits wach, zweitens habe ich es tatsächlich mal geschafft, so mit dem packen fertig zu sein, dass ich in einer Viertelstunde direkt aufbrechen könnte. Trotzdem bin ich froh, bis zur geplanten Abfahrt um neun Uhr noch zwei Stunden Zeit zu haben.
Zum letzten Mal ziehe ich das Netz unter der Matratze hervor, das ich gestern wie jeden Abend sorgfältig darunter gesteckt habe, um mich optimal vor den Mücken zu schützen. Zum letzten Mal drehe ich den herunterhängenden Stoff zu einem Strang, um diesen dann auf das „Dach“ des Netzes zu werfen.

In zwei Wochen, bevor Madhe das Bett für die nächste Freiwillige herrichten wird, wird sie es wohl herunter lassen, den Staub abklopfen, überprüfen ob man es so lassen kann oder besser austauschen sollte und es schließlich genauso wieder hochbinden.

Ich ziehe schnell die Sachen an, die ich mir am Vorabend schon herausgelegt habe.

Seit einigen Jahren ziehe ich zum Reisen immer dasselbe an. Ein schwarzes Top, darüber ein grüner Pulli, darüber eine dicke Strickjacke, dazu Schal, eine Jeans und natürlich Socken und Schuhe. So habe ich die Möglichkeit immer noch etwas Auszuziehen, falls dieses Wochenende wieder eine weitere Hitzewelle über Europa kommt, aber auch etwas Warmes anzuziehen, falls der Winter in Deutschland jetzt doch schon Ende August anbricht. Natürlich könnte ich einfach die Wettervorhersage im Internet lesen, aber ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass etwas was in Deutschen Nachrichten steht, für mich von Interesse sein könnte. Darüber hinaus wurde ich durch die starken Schwankungen zwischen der Saharahitze und den vielen Starkgewittern so verwirrt, dass ich ohnehin nicht glaube planen zu können.

Lange habe ich mich gefragt, ob ich wirklich eine Jeans anziehe, von den sechs (bereits schon etwas älteren) Jeans, die ich mitgenommen habe, habe ich mir an zweien einen Faden gezogen. Zwei weitere sind am Knie aufgerissen. Wenn man hier Jeans trägt, stauben diese sehr schnell so stark zu, dass man sie nicht auf links waschen kann, und mit Kernseife ordentlich schrubben muss, um die braunen Stellen wieder Blau (irgendwann dann weiß) zu bekommen. Dass das Material darunter leidet, ist wohl klar, die restlichen beiden Jeans sind so abgenutzt, dass ich sie wohl auch in Deutschland nicht mehr lange tragen werde. Außerdem finde ich Jeans inzwischen extrem ungemütlich. Seit einem halben Jahr trage ich sie nur noch zum Piki fahren, oder um in den drei Stunden von Einbruch der Dunkelheit bis zum zu Bett gehen, meine Beine vor hungrigen Mücken zu schützen. Demnach wurde es für die kurzen Flüge ein Rock und für den langen eine Leggins.

Ich blicke mich in meinem Zimmer um. Vor einer Woche hingen am Schrank noch Postkarten aus aller Welt, und ein paar Fotos. Letztere habe ich, zusammen mit ein paar Briefen und dem Kalender an der Wand, eingepackt, und die Klebestreifen abgerubbelt, die sie hinterlassen haben. Ich muss feststellen, dass mir das ziemlich gut gelungen ist. Mein Blick fällt auf den Nachttisch. Die Uhr und das Armband ziehe ich natürlich an. Das Fieberthermometer muss ich noch ins Handgepäck tun, die (Kunststoff-)Blumen, die mein Freund mir zum Valentinstag mitgebracht hatte, und die bis gestern in einer zur Blumenvase umfunktionierten Wasserflasche standen, und das Bild das meine Freundin Julia meinem Freund mitgeben hatte, habe ich bereits in den Koffer gepackt. Das Poesiealbum, das ebenfalls von Julia stammte und auch stets auf meinem Nachtisch lag, ist nun, um ein paar Einträge reicher, gut geschützt in meinem Rucksack verstaut. Auf meinem Nachttisch steht jetzt außerdem der Wecker. Ob ich den einpacken soll, das habe ich mich noch immer nicht entschieden. Vielleicht verschenke ich ihn, vielleicht lasse ich ihn auch einfach da, wenn ihn keiner der Leute gebrauchen kann, die in den nächsten zwei Wochen durch das Haus laufen, finden ihn vielleicht die nächsten Freiwilligen.
An meinem Tür Knauf hängt eine Kette. Sie hängt dort schon sehr lange, seit ich von dem Urlaub mit meinen Eltern Anfang Juli zurückgekommen bin.

Zwei Wochen waren meine Eltern und meine Schwestern Anfang Juli da. Zunächst habe ich ihnen ein Wochenende Uradi gezeigt, dann bin ich mit ihnen auf Safari. Zunächst in der Massai Mara. Obwohl die Gnus dort noch nicht angekommen waren und das Gras deswegen sehr hoch gewachsen war, haben wir einige Tiere gesehen. Viele Elefanten, Büffel, Giraffen, Zebras, Löwen, Geparden, Leoparden, Impalas, Kuhantilopen, Hyänen, Flusspferde und was es sonst noch so gibt. Weiter ging es dann zum Lake Elementaita, einem See, in dem es einige Vogelarten, wie zum Beispiel Pelikane zu bewundern gibt. Am Lake Nakuru danach, gab es viele Paviane zu sehen, außerdem Flamingos und Nashörner. An unserer letzten Station, dem Aberdare National Park, gab es dann noch einige weitere Affenarten, weitere Elefanten, Büffel und Leoparden zu beobachten. Es waren zwei sehr schöne Wochen, und es war wirklich schön, mal eine andere Seite von Kenia zu sehen, aber als ich dann zurück war, war ich dann auch froh wieder in Uradi zu sein.
Die Kette habe ich in unserem Quartier in der Massai Mara geschenkt bekommen, weil ich während dem Aufenthalt dort Geburtstag hatte. Sie sieht eigentlich nicht schlecht aus, jedoch ist sie so gemustert, dass ich sie nur mit einfarbigen Sachen zusammen tragen könnte.

Mein Blick geht an die Wände: Miriam hatte sich einen Trainingsplan geschrieben und ihn aufgehängt. Ich freute mich darüber, ließ ihn hängen und mich das ein oder andere Mal sogar davon inspirieren. So etwas Sportliches kann ich meiner Nachfolgerin nicht hinterlassen. Dafür wird sie einige Karteikarten finden, neben der Tür, neben dem Fenster, über dem Spiegel und an noch vielen weiteren Orten im Haus, mit denen ich stets meine Luo und Kisuaheli Vokabeln gelernt habe.

Ich lasse mein Gepäck vorerst im Zimmer stehen und mache mich auf den Weg zum Frühstück, dabei fällt mein Blick unweigerlich auf das Gelände, dass Östlich an das Parish grenzt, und auch nur von hier zu erreichen ist. Bis März waren hier die Schülerinnen der Secondary-School untergebracht, dann stand es schließlich zwei Monate leer, wurde renoviert, bis schließlich der Kindergarten wieder dorthin zurückgezogen ist. Seitdem habe ich die meiste Zeit wohl dort verbracht. Morgens gegen neun habe ich mich auf dem Weg gemacht. Ich ging durch eine Lücke in der Hecke, die nur von unserem Haus als Abkürzung genutzt werden kann, und deswegen von den Kindergärtnerinnen als „Katharinas Gate“ bezeichnet wird. Wenn die Kinder zu diesem Zeitpunkt noch draußen spielten, dauerte es nicht lange, bis die ersten auf mich aufmerksam wurde, laut riefen „Katharina biro“ und auf mich zu gerannt kamen. Der ältesten Klasse, in der ich am meisten war, hatte Madam Josephine beigebracht, mich bei Betreten des Raumes mit „Good morning Katharina! -Sit down“ zu begrüßen, was ich nun auch draußen überall verstreut hörte. Nachdem dann genug auf den Wippen und auf den Bäumen getobt wurde, wurde sich dann brav nach Klasse aufgestellt und gebetet. Dann ging es in die Klasse, wo ich stets Stifte anspitzte und Häkchen unter ihre ersten Schreibversuche setzte. Ich war bei den Kindern als sie Porridge getrunken haben, oder als sie sich die Hände vorm Mittagessen gewaschen haben. Ich bin gerne nachmittags in den Kindergarten, um mit ihnen Seil zu springen oder Tennisbälle hin und her zu werfen. Und schließlich, nachdem die Kinder nach Hause aufgebrochen waren, habe ich den Rest aufgeräumt und mit den Kindergärtnerinnen das Gebäude geschlossen.
Seit zwei Wochen nun, hört man keine lachenden Kinder mehr, denn es sind Ferien. Die letzte Juliwoche waren wir damit beschäftigt, die Kinder (mündlich) zu prüfen und die Examen zu korrigieren. Wir waren so früh fertig, dass dann nur noch gespielt wurde. Am letzten Schultag dann stand ein Elterntreffen an, bevor die Kinder ihre Ergebnisse bekommen haben.

Ich habe einen Rock und einen Schal von den Eltern und den Kindergärtnerinnen geschenkt bekommen. Aber das schönste Geschenk kam von den Kindern selbst: Unter Anleitung von Madam Josephine wurde ein Plakat gemalt, auf dem jedes Kind der Abschlussklasse seinen Namen geschrieben und ein Bild von sich gemalt hat. Ich weiß jetzt schon, dass ich es mir in Deutschland an meine Wand hängen werde, damit ich an die Kinder erinnert werde, wenn ich in Deutschland mal „Heimweh“ nach Uradi haben werde.

Auf meinem Weg zum Parishhouse gehe ich auch am „Open Air Altar“ vorbei. Als wir Mitte Mai von unserem ersten „Ausflug“ nach Nairobi zurückkamen, fanden wir unsere alte Abkürzung von unserem Haus zum Parishhouse, die zwischen den Bäumen durchführte, nicht mehr vor. Stattdessen mussten wir einen kleinen Umweg um eine Baustelle mache, die in weniger als drei Monaten zu einem fertigen Altar wurde. Solche Bauwerke findet man in den meisten Parishes, denn wie ich bereits geschrieben habe, findet die Messe gerne mal draußen statt, da die Kirche bei besonderen Festen aus allen Nähten platzen würde und das Wetter es eigentlich ohnehin immer zulässt. Damit man dafür nicht immer ein Zelt und ein Tisch aufstellen muss, galt es dieses Jahr dann etwas Festes zu bauen. Zusätzlich sollte der Altar ein „Denkmal“ für das 40. Jubiläum der Partnerschaft sein, und wurde deswegen am 9.8., dem Laurentiustag das erste Mal genutzt. An diesem Tag war dann auch Parish fiest, und ich freue mich sehr, dass ich durch das Lesen der Lesung eine besondere Aufgabe übernehmen durfte.

Es ist ein Morgen wie jeder andere: Die Sonne kämpft sich langsam durch die Bäumen, durch die ein sanfter Wind geht, der die Blätter leicht in Bewegung setzt. Langsam sammeln sich die Kinder auf dem Parishground, denn während der Ferien wird der ganze Tag genutzt, um sie auf die Firmung am kommenden Sonntag vorzubereiten. So war es die ganze letzte Woche durch, und auch vorgestern und gestern, als Elena gefahren ist. Für mich hat es sich so angefühlt, als ging es für sie los in den Urlaub, wie als sie nach Mombasa gefahren ist, oder nach Uganda, oder auch einfach nur nach Kisumu. Als würde sie nach spätestens einer Woche wieder da sein, und weiter in Schule oder Krankenhaus arbeiten. Das Gelachter dieser Kinder, das sanfte rauschen in den Blättern der Bäume und die Sonne, die sich dadurch kämpft, alles ist so wie immer, und doch wirkt es anders. Irgendwie weiß ich, dass ich nicht nur in den Urlaub fahren werde, dass ich von nun an nie wieder so in Uradi leben werde, wie ich es gewohnt war dort zu leben, auch wenn es sich lange nicht so anfühlt.

Ich esse mein Frühstück, und gehe anschließend ins Krankenhaus. So ganz kann ich es noch immer nicht fassen, dass ich nun das letzte Mal in dieser Krankenhausküche bin. Auf dem Herd kochen schon die Bohnen für das Abendessen, heute Abend soll es rice and beans geben, mein Lieblingsessen, bei dem ich nie nein sagen konnte, wenn Trizah mir angeboten hat die Reste zu essen.
Ich weiß noch meine ersten Stunden hier in der Küche, Trizah die mir einen Sitzplatz angeboten hat, und mir gezeigt hat wie man Ugali kocht oder Sukuma schneidet. Ich kann einfach noch immer nicht fassen, dass dies ab Morgen alles nicht mehr so sein soll.
Wir gehen zum Parishgrund, laden unser Gepäck auf das Auto, ich gehe mit Madhe noch einmal durch das Haus durch, und verabschiede mich schließlich von Trizah. In dem Moment, in dem sie zu weinen beginnt, begreife ich, dass unsere Freundschaft noch viel tiefer war, als ich es von einer Freundschaft hier erwartet hatte. Ich habe schon viele Abschiede hier erlebt, aber bis jetzt schien es mir immer so, als sei das ganze ziemlich emotionslos; vermutlich liegt das daran, dass kein Ort in Kenia so weit von Uradi entfernt ist wie Deutschland.

“To come, you may. To go, you must” haben die letzten Tage manche Freunde gesagt, als sie sich von uns verabschiedet haben. Es war meine freie Entscheidung, hierher nach Kenia zu kommen, doch dass ich eines Tages wieder nach Deutschland zurückkehren muss, stand ab dem Moment meiner Ausreise bereits fest. Im Endeffekt kann ich nicht anders als einzusehen, dass ich auf Dauer nicht hierher gehöre. Meine Mutter sagte bei ihrem Besuch, dass sie diesen Standard nicht auf unbegrenzte Zeit ausgehalten hätte. Ich muss sagen, dass ich mich diesbezüglich an alles hätte gewöhnen können. Ich hätte kein Problem gehabt, wie Trizah in einem Zimmer zu wohnen, das weder verputzt ist, noch ein richtiges Fenster hat und in dem mein Bett nur einen halben Meter neben meiner Küche steht. Ich könnte mir eine Latrine mit meinen Nachbarn teilen und zwischen vier Seiten Wellblech kalt duschen. Woran ich mich aber niemals ganz gewöhnen könnte, wäre es immer noch ein bisschen anders zu sein. Ich verstehe mich super mit Trizah, aber irgendwo gibt es noch immer Punkte wo ich sie, wo ich alle Menschen hier nicht verstehe, und wohl auch nie verstehen werde, und umgekehrt genauso. Und wenn ich all ihre Sprachen verstehen und sprechen würde, und auch wenn ich komplett ihren Alltag teilen würde, gäbe es noch immer Punkte, in denen ich anders bin, und damit meine ich nicht nur die Hautfarbe.
Trotzdem stimmt mich der Abschied von Trizah extrem traurig, und das liegt vor allem daran, dass ich sie nicht trösten kann. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hat“ sagt Antoine de Saint-Exypéry in „Der kleine Prinz“. Trizah wollte schon länger das Krankenhaus verlassen, weil sie in Nairobi bessere Arbeit gefunden hätte, und doch hat sie sich letztendlich entschlossen, erst nach dem August zu gehen, um mich nicht zurück lassen zu müssen. Nun lasse ich sie zurück, und ich kann es nicht so einfach ändern wie sie. Für mich dieser Abschied nicht halb so schlimm wie für sie, denn wenn ich nach Deutschland gehe, warten dort Familie und Freunde auf mich, doch Trizah verliert nur einen Freund, und sie hat nichts worauf sie sich durch meine Abreise freuen kann. Dennoch teile ich ihre Tränen, auch wenn ich sie ihr nicht nehmen kann, so gerne ich es würde, und das zerreißt mir das Herz.

Zusammen mit Phelix fahre ich aus dem Gate, nach Kisumu zum Flughafen. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich all dies nun zum letzten Mal sehe. Diese Erkenntnis kommt vermutlich erst in Deutschland, wenn ich nach zwei Wochen feststelle, dass ich nicht nur zum Urlaub dort bin. Auf dem Weg kaufen wir noch Zuckerrohr, um den noch freien Raum im Koffer (Jeans waren nicht das einzige was sich nicht zum Mitnehmen lohnte) aufzufüllen. Dann geht es nach Nairobi und nach etlichen Stunden Wartezeit auf den Anschlussflug, in das Flugzeug nach Amsterdam.

„The year has been reduced to months and months have reduced to days.“, so beginnt der Eintrag in meinem Poesiealbum, den Father Oscar dort herein geschrieben hat; und damit hat er den Nagel genau auf den Kopf getroffen. In den ersten Monaten haben wir konsequent aufwärts gezählt. „Ein Monat ist schon vorbei“, oder „der Dezember war der vierte Monat, damit ein Drittel des Jahres schon vorbei“ oder auch „ Stell dir mal vor: Weihnachten ist schon zwei Monate her“. Doch Anfang Mai dann, als Fela aus Bondo zu Besuch kam, war es dann schließlich komplett umgeschlagen in „Drei und ein halb Monate bleiben uns nur noch“, und schon von diesem Zeitpunkt verging kaum ein Tag, an dem einem nicht bewusst gemacht wurde, wie nah Deutschland schon ist. Von da an hieß es dann nur noch „in Zwei Monaten sind wir in Deutschland“, oder „nur noch fünf Sonntage gehen wir hier noch in die Messe, in sechs Wochen sind wir dann in Deutschland, dann sehen wir uns auf dem Pfarrfest“ oder auch „In genau zwei Monaten kommen die neuen Freiwilligen an“ oder sogar „In fünf Monaten ist schon wieder Weihnachten“…Ich muss gestehen, dass ich von da an zunächst immer rechnen musste, als ich gefragt wurde wie lang ich denn schon hier bin. Elena hatte auf ihrem Handy einen Count-Down, der ihr anzeigte wie viele Tage es noch sind. Sie wollte die Tage zu schätze wissen. Ich wollte das nicht, mir hätte das vermutlich Stress gemacht. Als wir in Nairobi waren, und eigentlich schon vom Abbruch überzeugt waren, warf sie in einer der stundenlange Gespräche während des Wartens ein „Falls wir es doch noch schaffen, sind es ab heute noch 87 Tage bis zum Abflug“ Ich habe nicht gerne in Tagen gedacht, Tage vergehen zu schnell, sie fliegen dahin bis plötzlich nur noch eine Zwei vorne steht, und dann eine Eins und diese Zahl dann plötzlich nur noch einstellig ist. Bei den Monaten sinkt die Zahl nicht so schnell, etwas Höheres als eine eins stand dort nie. Gleichzeitig war einem nach dem Vergehen eines weiteren Monats wieder bewusst, dass wieder einmal mehr vergangen ist als ein Zwölftel, und es sich aber kaum so viel angefühlt hat wie 30 Tage. Ich persönlich bevorzugte die Zählung in Wochen, das hörte sich immer direkt mehr an. Man kann sich halt einfach nichts darunter vorstellen, wie lange genau jetzt dreizehn Wochen dauern werden, und das ist gut so. So habe ich mich davor zu verstecken versucht, wie wenig Zeit mir noch bleibt, obwohl es nur selten geling, da ich doch zu oft darauf hingewiesen wurde, dass es „nur noch ein Monat“ oder „nur noch 20 Tage“ sind.

Umgekehrt hat uns Peter, der sich am Mittwoch von uns verabschiedet hat, aber auch bewusst gemacht, dass wir hier zwar um jeden Tag trauern, der vergeht, man sich in Deutschland über die immer kürzer werdende Zeit aber freut. Das kommt zwar auch durch jede Nachricht durch, die man aus Deutschland bekommt, trotzdem fühlt es sich noch anders und auch tröstender an, wenn man es von einem Einheimischen gesagt bekommt.

Knappe dreißig Stunden sollen mich trennen von Uradi und Lülsdorf. Acht Stunden fliege ich von Nairobi nach Amsterdam. Wenn ich jetzt hier in den Flieger steige, und der Flieger auf der beleuchteten Startbahn Geschwindigkeit aufnimmt, um schließlich abzuheben in die dunkele Nacht, werde ich acht Stunden lang nicht mehr in Kenia, aber auch noch nicht in Europa sein, bevor die Maschine in Amsterdam am frühen Morgen landen wird. Acht Stunden werde ich Zeit haben, mich von hier zu trennen, und mich auf dort vorzubereiten. In meinen Augen ist das eigentlich zu wenig; natürlich wird der Flug so sehr anstrengend zu sein, und ich bin froh, dass ich nicht länger auf irgendeiner Sitzreihe eingequetscht bin, aber wenn ich bedenke, dass es nur acht Stunden sind, in denen ich weder hier, noch dort bin, stresst mich das schon ein bisschen.

So fliege ich also los in den inzwischen schwarzen Nachthimmel, gespannt darauf, was in Deutschland auf mich wartet.

Fortsetzung folgt

Neununddreißigste bis dreiundvierzigste Woche

Das Work Permit in der Tasche konnte ich den Juni also endlich sorgenlos angehen. Wie schön, dass dieser direkt mit einem Feiertag begann, an dem, wie im Dezember, auch die Unabhängigkeit gefeiert wurde. Eigentlich ist das für uns gar nicht schön, denn praktisch bedeutet das, dass es nichts zu tun gibt. Glücklicherweise trafen wir dann auf dem Weg jedoch Madam Vicky, die fragte, ob wir mit ihren Schülerinnen nach Aluor fahren wollen, ein Angebot, das wir natürlich gerne annahmen. Warum nach Aluor? Weil in die dortige, mit ihren 50 Jahren doch ziemlich alte, Mädchenschule die Klassenfahrt der Form IV gehen sollte. Also ging es mit Sack und Pack, dazu zählen übrigens auch die Matratzen, die Bettlaken und die Waschschüsseln und natürlich auch den dazugehörigen Schülerinnen und deren Lehrpersonal, im geliehenen Schulbus auf Reise. Klassenfahrt bedeutet hier leider nicht wie in Deutschland, dass man in irgendwelchen Waldjugendherbergen die Natur erkundet und das Wissen aus dem Erdkunde und Biologieunterricht praktisch fundiert, oder dass man sich irgendwelche historischen Schlösser, Burgen, Kirchen oder Klöster anschaut und sich während der Führungen geschichtsträchtige Vorträge dazu anhört, sondern ganz einfach, dass man in einer anderen Schule dazu bewegt werden soll, seinen Stoff noch intensiver zu lernen. Trotzdem war die Stimmung auf der Hinfahrt super, und dort angekommen, gab es, einmal die Straße hoch und wieder herunter, dann doch noch eine „Stadt“-Rundfahrt bei der die Institutionen von Aluor gezeigt wurden, was nicht ganz unhistorisch war, denn das Parish dort ist mit seinen gut hundert Jahren das zweitälteste in der ganzen Region von Kisumu. Danach wurden die Schülerinnen äußerst herzlich willkommen geheißen und nach ein paar praktischen Erläuterungen in kleinen Gruppen auf die Schlafsäle verteilt, denn es ging auch darum, voneinander zu lernen. Für Elena und mich bedeutete das, das Lehrpersonal wieder zu finden, um uns der Führung über das Schulgelände anzuhängen. Und so sehr wir uns auch danach sehnten dort zu bleiben, und selber ein bisschen Internatsleben zu schnuppern, sind wir dann auch mit ihnen, bis auf Sister Johanna, in einem fast leeren Bus zurück gefahren.
Eine gute Woche später stand dann das nächste Highlight an. Seit die Schülerinnen in den letzten Ferien ihren eigenen Schlafsaal beziehen konnten und nun nicht mehr auf die Herberge des Kindergartens angewiesen sind, wartet dieser nun von dem Grundstück der Primary-School zurück in ihren alten Räume zu ziehen. Diese wurden dann neu gestrichen und schließlich durfte ganz Uradi den freudigen Gesang der Kinder hören, die ihre Tische und Stühle in die nun neuen alten Klassen trugen und das nun „eigene“ Gelände mit zwei Wippen und einer Rutsche erkundeten. In der nächsten Woche ging es dann weiter mit fegen und putzen, und die Tische mussten ja auch in eine Ordnung gebracht werden. Ein bisschen beneide ich nun die nächsten Freiwilligen, die die Kinder das ganz Jahr so nah und dazu in einer so geschützten Umgebung erleben dürfen, in der sie auch mal mit den Bällen spielen dürfen, ohne dass sie auf dem großen Gelände und zwischen den älteren Schülern und Schülerinnen verloren gehen könnten. Auf der anderen Seite freue ich mich natürlich, die Klasse durch selbst gemalte Tierbilder und Namensschilder mit gestaltet zu haben.
Letztes Wochenende gab es dann mal eine ganz andere Unternehmung. Schon länger hatte mich Trizah gefragt, ob ich sie mal in Ihrer Heimat in Wera besuchen möchte. Schließlich hatte Trizah das Wochenende frei und nachdem sie Donnerstagabend vorgefahren war, kamen Elena und ich Samstagmorgen nach. Das Spannendste an der Hinfahrt war natürlich die Pro Box, einem Fünf-Personen-Wagen, in den tatsächlich zwölf Personen (Zwei auf dem Fahrersitz, Zwei auf dem Beifahrersitz, vier auf der Rückbank und vier im Kofferraum) passen und in der wir tatsächlich auch zwei Brüder von Barack Obama sitzen hatten, die uns versicherten, er hätte ihnen geschrieben, dass er im Juli auch einen Abstecher zu seiner Oma machen wird. In Wera angekommen, wurden wir von Trizahs Oma Frieda ausgesprochen herzlich begrüßt und natürlich wurden uns auch alle anderen Familienmitglieder vorstellt. Spektakuläres ist ansonsten eigentlich nichts passiert, doch obwohl ich nach drei viel zu schweren Mahlzeiten und eine Nacht zu dritt in Trizahs Bett erstmal genug hatten, werde ich in jedem Fall versuchen auch auf die nächste Einladung von ihr einzugehen. Die Rückfahrt war dann sogar noch spannender als die Hinfahrt, denn als Trizahs Oma erfahren hat, dass wir auf einem Parish leben, hat sie uns, wir hielten es zunächst für ein Scherz, ein Huhn mitgegeben, dass wir Father geben sollten. Also saßen wir auf der Rückfahrt mit zwölf Personen, zwei Kindern und einem Huhn in der Pro Box.

siebenunddreißigste und achtunddreißigste Woche

Lange ist es nicht her, dass ich mich das letzte Mal gemeldet habe, dennoch ist einiges passiert.
In meinem letzten Eintrag habe ich geschrieben, wie wir nach Nairobi gefahren sind, um eine Verlängerung für unser Touristenvisum zu bekommen, und wie erleichternd das Gefühl war, diese dann im Pass zu haben, und wie sicher wir uns auch gefühlt haben, auch wenn wir nur eine neue  Aufenthaltsgenehmigung, und noch keine Arbeitserlaubnis hatten. Dass die Arbeitserlaubnis jemals wichtig sein wird, hätten wir uns niemals denken können. Eine Bedingung von Weltwärts ist ganz klar, dass unser Einsatz Arbeitsmarktneutral sein soll, und da wir kein Einkommen haben und wir keine Arbeitsplätze wegnehmen, wird uns keiner der vielen Polizisten, die hier in Uradi herumlaufen, festnehmen, weil wir keine Arbeitserlaubnis haben.
Doch genau diese fehlende Arbeitserlaubnis sollte zu unserem Problem werden:
Donnerstagnachmittag, ich wollte gerade meine Pläne fürs Wochenende machen, erreichte uns ein Anruf aus Sega, ob wir schon unsere Mails gecheckt haben. Das ist in Uradi in 80% der Versuche unmöglich, aber ein Screenshot von einem aus Sega reicht ja auch, und die Aussage war ganz klar: Da wir kein Work Permit haben, gilt unser Dienst im Land umgehend als beendet und bis zum Ende unseres Visums, also bis zum 9. Juni, müssen wir das Land verlassen.
Der Grund ist eine Regel, die Weltwärts mit der Kenianischen Regierung getroffen hat, dass alle Freiwilligen bis zu einem festgesetzten aber unbestimmten Zeitpunkt eine Arbeitserlaubnis besitzen müssen. Niemals haben wir von dieser Regel gewusst, aber da wir nun mit einer deutschen Behörde das Problem hatten, und nicht mit einer kenianischen, waren unsere Hoffnungen, den Beschluss noch ändern zu können, sehr gering. Auch die Tatsache, dass wir in Uradi die einzigen beiden zu sein schienen, die überhaupt noch an ein Bleiben glaubten, entmutigte unsere Einstellung, dass noch irgendetwas zu machen sei. Trotzdem aßen wir zunächst einmal eine Mango, die leider auch von Maden gegessen wurde, tranken einen Tee und fuhren dann mit Father Oscar zu einem Treffen mit Father Lawrence und Father Matthews, die für die Visa verantwortlich gewesen waren. Nach einigen Telefonaten waren wir dann leider auch nicht schlauer. Das Resultat des Treffens war dann nur, dass wir uns von den Father anhören durften, dass es unsere Schuld sei, dass wir noch kein Visum haben, da wir nach Nairobi gefahren sind und uns nicht an ihre Vorschriften gehalten haben. Weitergeholfen hat das Treffen dann also nicht, sondern eher demotiviert, da die Father in unseren Augen die Dringlichkeit der Situation nicht verstanden haben, und auf dem Rückweg haben wir uns dann nur darüber aufgeregt, dass wir wohl die wenigste Schuld tragen, da wir über drei Wochen probiert haben Father Matthews oder Father Lawrence zu erreichen, sich aber niemals einer der beiden zurück gemeldet hat. Wir haben also probiert einen Schuldigen für diese Situation zu finden, und fanden sie genau bei diesen, beim Immigration Office und vor allem aber bei Weltwärts und der deutschen Denkweise. Letztes Mal habe ich beschrieben, welche Stärken und Schwächen ein System hat, das den Menschen in den Vordergrund stellt, aber dafür Korruption zulässt und welche Vor- und Nachteile das Gegenstück in Deutschland dazu hat, das zwar nach Regeln handelt, in dem Menschen dann aber dafür nicht wie Menschen, sondern wie Akten und Nummern behandelt werden. Ersteres war zwar der Grund, dass wir noch immer kein Work Permit hatten, hatte allerdings unsere Ausreise beschlossen. Als wir in den letzten Tage hier im Dorf unseren Freunden von unserer Situation erzählten, verstand niemand die Endgültigkeit dieses Beschlusses; dass man solche Beschlüsse nicht ändern und deutsche Behörden nicht so einfach austricksen kann, wollten die wenigsten verstehen. Es schimpfte aber auch jeder auf das Immigration Office und die korrupten kenianischen Behörden. Und hier liegt der klare Vorteil des Systems hier, nämlich dass es die eigenen Schwächen erkennt. In dieser Situation, in der beide Systeme aufeinander getroffen sind, besteht das Problem darin, dass sich das deutsche System für überlegener hält, und nicht einsieht, welche Vorteile die Flexibilität vielleicht bietet, die es sich vielleicht auch mal selbst zu nutzen machen könnte. Wir verblieben also dabei, dass jeder versprach für uns zu beten und erst dann über den Abschied zu weinen, wenn es soweit ist.
Das Wochenende genießen konnten wir dann nicht wirklich. Gemachte Pläne wurden erstmal verschoben, und auch wenn die verbliebene Zeit von dreizehn Wochen plötzlich auf unter drei Wochen gekürzt wurde, war die Situation so demotivierend, dass wir nicht so richtig aus dem Haus kamen, um uns abzulenken und die verbliebene Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Auf der anderen Seite wollte man irgendetwas tun, um den bereits beschlossenen Abbruch noch abzuwenden, auch wenn dies am Wochenende total unmöglich ist.
Sonntagabend taten wir dann das, was ich schon Donnerstag getan hätte, hätte ich die Email früher gelesen. Ich stieg gemeinsam mit Anika in den Bus nach Nairobi, um dort persönlich ins Immigration Office zu gehen, und vielleicht noch rechtzeitig mein Work Permit zu bekommen. Pfingstmontag ist hier glücklicherweise kein Feiertag, und so waren wir Weltwärts gegenüber einen Tag im Vorsprung.
Der erste Tag in Nairobi sah dann nicht gut aus. Wie gewohnt gingen wir ab Sonnenaufgang zum Java, einem sehr westlichen Café, um dort mit Schokoladencroissant und Cappuccino die Zeit vergehen zu lassen, die Toilette zum Umziehen zu nutzen und uns mit dreien der vielen Geschäftsleuten in Anzügen dort zu unterhalten, die zufällig auch Luo waren. Anschließend hieß es dann zwei Stunden auf Margret, eine Kontaktperson von Father Lawrence, zu warten, die um halb zehn kommen wollte und um halb zwölf dann da war. Die halbe Stunde bis zur Mittagspause wurde dann nur damit genutzt, dass sie unsere Visa ein zweites Mal bezahlte, und sich dann erst von uns sagen ließ, dass das bereits längst geschehen ist. Dann war Mittagspause und in den zwei Stunden bis wir sie wiedersehen sollten, war unsere Stimmung auf dem Tiefpunkt. Schließlich trafen wir Margret wieder und als wir kurz davor waren unser Work Permit zu bekommen und wir nur wegen fehlender Zeit auf den nächsten Tag vertröstet wurden, freuten wir uns so, dass wir direkt die drei anderen ohne Work Permit anriefen und aufforderten auch sofort nach Nairobi zu kommen. Wir suchten uns dann schnell ein Guest House und obwohl ich mich durch die Euphorie überhaupt nicht mehr müde fühlte, schlief ich noch vor Einbruch der Dunkelheit ein.IMG_2633
Das war auch gut so, denn am nächsten Tag gegen vier kamen die anderen drei in Nairobi an und um sechs Uhr wollten wir uns treffen. Anika und ich überließen ihnen also unsere Betten, und besorgten in dem gerade erwachten Nairobi etwas zu essen für die gesamte Gruppe und einen Kuchen für Sören, der an dem Tag Geburtstag hatte. Das war dann auch das Highlight des Tages, denn im Immigration Office wurden wir wieder auf den nächsten Tag vertröstet, da unsere Dokumente zwar fertig waren, die Unterschrift jedoch fehlte. Also ging es zurück zum Hotel, in dem wir am Morgen ausgecheckt hatten, auf dem Weg noch in der Kirche vorbei, da Sören ein Buch aus dem Buchladen dort brauchte, und anschließend lud Sören uns ins Kino ein.
Die Hoffnung dass wir unser Visum bekommen können war schon sehr weit gesunken. Die Aussagen von Margret wurden immer ungenauer und da in Deutschland teilweise schon für unsere Rückkehr geplant wurde, sank auch die Hoffnung, dass wir selbst mit Work Permit noch etwas bei Weltwärts ausrichten können. Es war wie Pokern. Je länger wir blieben, desto höher war die Wahrscheinlichkeit eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, und damit dann auch im Land bleiben zu dürfen. Sollte das jedoch nicht der Fall sein, verloren wir auch mit jedem Tag Zeit, die uns sonst unheimlich Wertvoll für den Abschied gewesen wäre. Zwei Wochen wären so noch übrig gewesen, doch wenn wir den Nairobi-Trip abgebrochen hätten, hätte es keine Chance mehr auf ein Work Permit und damit auf mehr Zeit im Land gegeben.IMG_2663 Trotzdem gingen wir erneut in das Nyayo-Haus, in dessen Erdgeschoss und dem fünften Stock die Abteilung für Immigration ist. Und das Wunder geschah nach nicht allzu langer Wartezeit, als Moritz sein fertiges Work Permit in die Hand gedrückt bekam. Kurze Zeit später bekam auch ich mein fertig ausgefülltes und unterschriebenes Blatt in die Hand gedrückt. Dieses musste dann also nur noch in unseren Pass übertragen werden. Dafür hieß es dann, Nummern zu ziehen und zu warten, wie in einer Deutschen Behörde. Als wir die richtige Nummer hatten, dauerte es also nicht mehr lange, bis Moritz und ich den Eintrag in unserem Pass hatten und dadurch dann nachmittags von Dominik die entscheidende Nachricht bekommen haben: damit dürfen wir bleiben.
Schließlich mussten wir nur noch eine Ailien-ID beantragen, die wir dann in sechs Wochen Monaten abholen können. So richtig freuen konnten wir uns dennoch noch nicht, denn wir waren fünf, und erst 40% von uns hatten unser Work Permit, und für die anderen sah es nicht allzu rosig aus, zwei der Akten wurden an diesem Tag als verloren eingestuft. Ich war zwar froh, dass mein Aufenthalt hier nicht frühzeitig beendet sein sollte, aber ich hätte es sehr schade gefunden, wenn einer von uns unwillentlich aus unserer Gruppe gerissen wird. Insgesamt sind wir immer eine gute Gruppe gewesen, und da wir uns alle recht gut verstehen, hatte ich immer gedacht, dass wir auch alle zusammen als Gruppe im August zurück fliegen. Da es in Nairobi für Moritz und mich allerdings nichts mehr zu tun gab, buchten wir unseren Bus für den Abend und setzten uns dann zu den anderen ins Java, um noch einen Work-Permit-Apfelkuchen zu genießen. Dann ging es wieder ins Guest-House, damit wir uns noch dort fertig machen konnten, wo die anderen die nächste Nacht verbringen sollten, und mit dem Nachtbus ging es dann wieder zurück nach Sega, wo ich mir bei Tagesanbruch ein Piki nahm, um zurück nach Uradi zu kommen.
Der Donnerstag war für die anderen dann wenig erfolgreich, aber Freitag bekamen auch Elena und Anika ihr Visum, und Sörens Visum ist zumindest auf dem Postweg, was vielleicht nicht besser ist als Verloren, aber zumindest ein bisschen Hoffnung gibt, dass es zum Bleiben reicht.

Ich bin jetzt also sicher. Fühlen tue ich mich allerdings nicht so. Als ich meine Verlängerung hatte, habe ich mich auch sicher gefühlt, und es hat sich gezeigt, dass es jedoch möglich ist, dass der Dienst von Weltwärts ohne jegliche Vorwarnung abgebrochen werden kann, hätte ich bis dahin nicht erwartet und lässt mich bis jetzt zweifeln, ob es vielleicht immer noch einen Grund geben könnte, den Aufenthalt früher zu beenden.

Zweiunddreißigste bis sechsunddreißigste Woche

Lange habe ich mich nicht mehr gemeldet, was vielleicht daran liegt, dass in den letzten Wochen erstmal nicht allzu viel Interessantes passiert ist.
Zunächst einmal waren bis Ende April noch Ferien; diese wollten eigentlich dazu genutzt werden, ein bisschen im Land herum zu reisen, da fünf von uns zehn FSD-Freiwilligen allerdings immer noch das Resident-Visum fehlt, mit dem Eintrittspreise in Nationalparks teilweise nur ein Sechstel des Touristenpreises kosten, und es ohne Visum ohnehin nicht ratsam ist, viel im Land herum zu reisen, wurden diese Pläne, genau wie das Ausstellen unseres Work Permits, auf ungewisse Zeit verschoben.
Allzu langweilig wurde es trotzdem nicht, denn neben dem Krankenhaus, und dem Treffen der Freunde, die wir von dort kennen, hatte uns Father Oscar noch eine weitere Aufgabe gegeben: Da es scheinbar keine Auflistung über Besitztümer des Parish gibt, und es eine solche Auflistung scheinbar geben sollte, wurden wir nun gebeten, Inventur zu machen. Folglich gingen wir durch alle Häuser und zählten Fensterscheiben, Vorhänge, Schränke, Türen, Betten, das Geschirr, Bilder, Waschbecken, Haken, Tischdecken und allen möglichen Krims Krams, um ihn schließlich auf eine Liste zu setzen. Das nahm dann auch etwas Zeit in Anspruch und so sind die Ferien fast wie im Flug vergangen.
Anfang Mai kamen dann auch wieder unsere „Brüder“ aus der Advents- und Weihnachtszeit an: Moses, Elkana, Felix und nun auch Fred werden uns also bis Ende des Monats, bzw. bis Anfang August hier im Parish Gesellschaft leisten.
Um nach Deutschland oder in ein anderes EU-Land einzureisen, benötigt man das sogenannte Schengen-Visum. Das kostet 60 Euro und bevor der eigentliche Antrag gestellt werden kann, muss der Antragsteller in einem langfristigen Verfahren Rechtfertigungen über den Reisegrund ablegen, ein Einkommen vorweisen, dass die Reisekosten deckt, eine Krankenversicherung haben und vergewissern, dass man nach spätestens drei Monaten wieder aus dem Schengen-Raus ausreist. Einmal einen Antrag gestellt, kann man nach zwei Wochen mit einer Antwort rechnen und egal wie das ausgeht, ist man für immer in dem Computersystem registriert und sollte man sich zu lange aufhalten, wird es nicht zu lange dauern, bis man bei Gericht vorgeladen wird.
Hier in Kenia läuft das etwas anders ab. Acht Wochen vor meiner Ausreise aus Deutschland habe ich einen einseitigen Antrag mit meinem Pass an die Botschaft in Berlin geschickt und zwei Wochen später, ohne Probleme ein Visum erhalten. Es wäre sicherlich auch kein Problem gewesen mir in Nairobi am Flughafen ein Visum zu kaufen, wo so dann nur noch meine Fingerabdrücke und ein Foto von mit aufgenommen wurden. Für mein Class E missionary Work Permit mussten dann noch einige andere Dokumente dazu, und nach Antragstellung sollte es nach einer ungewissen Zeit fertig sein.
Ende November dann, eine Woche bevor das Touristen Visum ablaufen sollte, wurde die Fertigstellung in einer Woche in Aussicht gestellt. Kurz vor Weihnachten, der aufmerksame Leser wird sich erinnern können, waren wir bereits 20 Tage illegal und wenn nicht am 23.12. noch vier unserer Jungs ins Immigration Office in Nairobi gegangen wären, um unsere Visa zu verlängern, wären wir vermutlich noch um einiges länger unbemerkt illegal geblieben.
Anfang März habe ich dann dieses Visum ein zweites Mal in Kisumu verlängert. Aus dem Stempel im Pass konnte man dafür kein Ablaufdatum erkennen, und da ich sicher war, dass es die zwei Wochen, in denen ich mein Visum damals zu bekommen glaubte, halten wird, fragte ich auch nicht wie lange diese Verlängerung gilt. Als Anfang Mai dann jedoch noch immer kein weiteres Visum war da, schaltete sich auch Father Oscar ein und gemeinsam mit ihm und Anika, Elena und Sören ging es erneut in das Einzige Hochhaus Kisumus, das nicht so schief ist, dass man befürchten muss, es könnte jeden Moment in sich zusammen fallen. Dort konnte man uns allerdings nur so weit helfen, dass wir den Status in Nairobi klären müssten und wenn wir dort kein Visum bekommen, ausreisen müssten. Folglich saßen wir danach also gemeinsam mit Moritz, der plötzlich doch auch kein Visum hatte, im Café und haben uns ausgemalt, wie es wäre ausgewiesen zu werden oder im Gefängnis zu landen; zu diesem Galgenhumor waren wir schließlich nach fähig, da eine Reise nach Nairobi noch ein kleines bisschen in der Ferne lag.
In Nairobi sitzt Judy, eine Kontaktperson, die von der Deutschen Botschaft angestellt ist und sich auch um Weltwärts-Freiwillige kümmert. Da genau zu der Zeit ein Freiwilliger in Nairobi verhaftet wurde, weil er kein Visum hat, hat sie dann auch auf uns Druck ausgeübt, uns eine Verlängerung zu holen. Zunächst ist also Sören nach Nairobi gefahren, bei dem tatsächlich Hoffnung bestand, dass er sein Work Permit hätte abholen können. Das war leider nicht der Fall, aber da er eine weitere Verlängerung bekommen hat, setzten wir anderen Vier uns letzten Sonntagabend ebenfalls in den Nachtbus nach Nairobi. Ein komisches Gefühl ist es schon, wenn man nicht weiß, ob man überhaupt von dort zurückkommen wird oder wenn man jedes Mal wenn man einen Polizisten sieht, ihn besonders freundlich anschaut, da er durchaus das Recht hätte einen zu verhaften.
Wie ich bereits erwähnt habe, steht bei den Beamten nicht unbedingt die Regel an der ersten Stelle, sondern der Mensch. Deswegen ging es nach unserer Ankunft um halb fünf nach zweistündger Wartezeit erstmal in ein Café mit Toilette, in der wir uns umgezogen haben. Das sollte dann nicht nur für den ersten Eindruck im Immigration Office helfen, sondern es  ist auch so, dass man sich neben den ganzen mächtigen Herren in den Anzügen und den reichen Damen in den Kleidern, die in Nairobi überall herumlaufen, in einer ordentliches Hose und einer weißen Bluse wohler fühlt als in Jogginghose.
Um halb neun sollten wir  also mit deutlich erhöhtem Puls und Judy ins Immigration Office laufen. Wir waren alle sehr froh, dass Judy da war, da sie wie eine Art Anwältin für uns war. Sie sagte, dass sie für uns sprechen wird, falls sie nicht aufgefordert wird, den Raum zu verlassen. Sie sagte uns im voraus allerdings auch, dass es durchaus sein kann, dass wir verhaftet werden. So weit kam es dann allerdings doch nicht, denn sobald wir dem netten Beamten begegneten, Judy ein paar Worte sagte, wir ein bisschen, wie ein Minenfeld wirkenden, Smalltalk über das Christentum, Hitler und Deutschland führten, durften wir uns vier Mal das erlösende Geräusch des Stempels anhören. Das erste Büro war also geschafft. Im Nächsten erfuhren wir dann, dass es eine winzige Chance gibt am nächsten Tag schon unser Work Permit abzuholen, somit sollten wir eine Nacht spontan in Nairobi bleiben. Gebracht hat es nichts, soviel kann ich schon verraten, aber geschadet hat es auch nicht. Nairobi ist nicht unbedingt die schönste Stadt der Welt, es gibt viel zu viele Menschen und viel zu viele Fahrzeuge, die sich einfach nicht durch Ampeln regulieren lassen, wenn sich niemand an Rot und Grün hält, aber wenn man nicht mehr vor jedem Polizisten Angst haben muss, weil man ganz legal ist, lässt sich diese Stadt durchaus ertragen, jedenfalls für einen Tag. Erstmal wurde also ein Zimmer gesucht, das Busticket auf die nächste Nacht umgebucht, etwas geschlafen und gegessen. Abends lag unser Zimmer dann genau so, dass wir eine von den vielen katastrophalen Kreuzungen beobachten konnten. Hier gibt es zwar Ampeln, sogar richtig gute Ampeln, die zeigen, wie lange es noch rot oder grün sein wird, allerdings bringen die nicht, wenn jeder sie ignoriert, und es wäre wohl eine bessere Investition gewesen, für jeden Abend einen Polizisten an jede Kreuzung zu stellen. Teilweise hat sich für über eine viertel Stunde nichts getan, weil niemand vor oder zurück konnte, und ich kann leider nicht erzählen, wie viele Blechschäden es gekostet hat diesen Knoten zu lösen, da ich mich vorher ins Bett gelegt habe. Nur so viel: am nächsten Morgen war die Kreuzung wieder frei.
Leider kann ich von den vielen unglaublichen Sachen auch kein Foto zeigen, da ich meine Kamera lieber in Uradi ließ, als sie mir dort stehlen zu lassen. Im Nachhinein muss ich jedoch sagen, dass ich nicht sagen kann, dass es in Nairobi mehr Taschendiebe gibt als in Bonn oder Köln. Nach zwei Anstrengend Tagen ging es am Dienstagabend also zurück nach Sega und später nach Uradi, wo ich dann morgens ankam.

Die Moral von der Geschichte: Es ist gut, dass man sich in Deutschland sicher sein kann, dass Pässe und Visa nach einer absehbaren Zeit fertig sind. Es ist auch gut, mit einem Computersystem zu arbeiten, in dem nicht plötzlich irgendwelche Dokumente für immer verloren gehen, und die auch in anderen Städten abrufbar sind. Wenn man jedoch illegal ist, ist es ganz schön, wenn der eigene Pass das einzige Dokument ist, in dem das steht. Außerdem ist es dann schön einen Beamten vor sich sitzen zu haben, der einen nicht direkt nach irgendeinem Gesetz verhaftet, sondern der sieht, dass man gar nicht so böse ist und auch nicht ganz so viel für seine Situation kann.
Ich muss auch einsehen, dass es insgesamt kein besser oder schlechter gibt, zwischen dem Prozedere in Deutschland und hier. In Deutschland gibt es Systeme und die Regeln stehen absolut im Vordergrund. Alle halten sich an die Regeln und Kant wäre halbwegs zufrieden. Es läuft. Hier gibt es viel Improvisation und der Mensch steht im Vordergrund. Man hält sich meist bloß an die wichtigsten Regeln und kaum einer handelt bloß aus Achtung vor irgendeinem Gesetz. Aber auch hier läuft es. In meinen Augen macht es nun wirklich keinen Unterschied, wenn man eine halbe Stunde vor der Kreuzung steht, weil niemand über rot fährt und die Ampelschaltung nicht mal auf den Verkehr angepasst ist, oder weil einfach jeder fährt wie er es für logisch hält und die Kreuzung deswegen verstopft ist.
Nach dem Besuch in Nairobi mache ich mir inzwischen schon Sorgen vor dem Zurückkommen. Vermutlich ist es noch weitaus unentwickelter als jede europäische Stadt, und dennoch konnte ich kaum auf den Weg schauen, da mein Blick an jeder Ampel, jedem Hochhaus und jedem Schaufenster (Schuhe, Kleidung, Kuchen, Elektrogeräte) hängen blieb und ich mir jedes Mal nur gedacht habe „krass…“

Dreißigste und einunddreißigste Woche

 

Während in Deutschland die Osterferien angefangen haben, mussten die Schüler und Schülerinnen hier noch mal richtig ran, denn der erste Term neigte sich schon dem Ende zu und das bedeutet natürlich, Examen zu schreiben, und das galt letzte Woche auch für den Kindergarten.
Während die Klasse also draußen oder im Klassenraum gespielt hat, wurden die Kinder einzeln zum Lehrer gerufen, mussten Fragen beantworten, Buchstaben und Zahlen vorlesen und Bilder ausmalen. Da mein Luo für ein solches Gespräch dann doch noch nicht gut genug ist, habe ich die Aufgabe bekommen, die erbrachten Punkte zusammen zu rechnen und in eine Liste einzutragen. Die ganze Klasse war dann nach drei Tagen auch vollkommen getestet, sodass wir diese Woche die „Zeugnisse“ verteilen konnten. Dafür wurden am Mittwoch die Eltern in den Kindergarten eingeladen, und erstmal wurde über ziemlich viel Organisatorisches geredet. Schließlich wurden dann die Kinder dazu gerufen und bevor jeder seine Mappe bekommen hat, in dem der korrigierte Test und eine Tabelle mit den Punkten war, wurden dann die besten drei Kinder der oberen beiden Klassen geehrt, wobei ich eigentlich finde, dass bei den guten Tests alle Kinder eine Ehrung verdient gehabt hätten.
Es sind jetzt also Ferien, bis zum fünften Mai. Leider lässt der wiedereinsetzende Regen auch das Krankenhaus leerer werden, sodass wir wieder etwas intensiver nach Arbeit suchen müssen, aber das wird schon klappen. Außerdem können wir hoffen, dass die Internatsschülerinnen schon im nächsten Term in ihre neuen Schlafsäle können und der Kindergarten wieder zurück in sein alten altes Gebäude ziehen kann, und wir dort dann beim umräumen helfen können.

Was die Osterfeiertage angeht, muss ich leider sagen, dass die hier nicht besonders waren. Palmsonntag hat die Messe auf dem Schulhof der Primary-School begonnen und die ganze Gemeinde hatte Palmzweige, mit der jeder gewedelt hat. Gründonnerstag war abends eine Messe mit einer anschließenden Anbetung, die bis Mitternacht gedauert hat.
Karfreitag sind wir dann morgens einen Kreuzweg von Uranga zurück nach Uradi gelaufen, ein Ereignis auf das ich auch gut hätte verzichten können. Die ersten zehn Meter sind die Leute so eng gelaufen, dass man ständig von allen Seiten angerempelt wurde. Weiter hinten war dieses Problem dann nicht mehr so groß, jedoch musste man ständig an die Seite ausweichen, da ein Piki oder ein Lastwagen durch die Menge durchfahren mussten. Spätestens als ein betrunkener Piki-fahrer ungebremst in die Menge hineinfuhr und wir von Glück reden können, dass er gebremst wurde, umgekippt ist und dabei keiner verletzt wurde, wurde mir bewusst dass das keine so ungefährliche Veranstaltung ist und es schon gut ist, dass so etwas in Deutschland von der Polizei begleitet wird.
Außerdem hat man dann weiter hinten überhaupt nichts mehr verstanden, wir sind also nur noch total planlos zwei Stunden durch die brennende Mittagssonne gelaufen.
Nachmittags haben wir dann noch vier weitere Stunden in der Kirche verbringen dürfen, wobei es dort dann zum Glück nicht mehr so heiß war.
Die Osternacht war dann ein bisschen wie Weihnachten, es war kalt und verregnet, die Kirche war nicht einmal halb voll, dafür aber wieder blau und weiß dekoriert. Dreißig Flowergirls haben getanzt und gezeigt, was sie in der Fastenzeit geübt haben, und das war auch am Sonntag das einzige, was die Messe von jeder anderen Sonntagsmesse unterscheidet. Ansonsten wurde Ostern gar nicht gefeiert.
Es ist jedoch auch ziemlich schwer bei diesem Wetter in Osterstimmung zu kommen. Die Regenzeit bringt gerade jetzt im Übergang auch Kälte mit sich, und wenn man so friert, denkt man, trotz der aufblühenden Lilien, eher an einen Herbst, in dem es Sankt Martins-Umzüge gibt, als an einen Frühling, in dem die Osterglocken blühen.
Auf der anderen Seite, und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal so sagen werde, vermisse ich Herbst und Winter schon ziemlich. Wenn man mit Trocken- und Regenzeit einfach nur noch zwei statt vier Jahreszeiten hat, und es einfach niemals unter 15 Grad ist, kann man sich schon mal wünschen, dass man sich an einem verregneten Tag warm anziehen muss oder nachts unter die Bettdecken kuscheln muss.
Deswegen bin ich jetzt schon froh, dass es einige Tage ohne Sonnenschein gibt, damit ich die Wärme der Sonne anschließend wieder zu schätzen weiß.

Siebenundzwanzigste bis neunundzwanzigste Woche

Wie in meinem letzten Bericht bereits erwähnt, hatten wir mit Judith, Miriam und schließlich Elenas Schwester ein Maximum an Besuch aus Deutschland da. Natürlich ist es sehr schön, da Gespräche mit ehemaligen Freiwilligen ehrfahrungsgemäß immer sehr lustig sind, man ein bisschen aus dem Alltag herausgerissen wird und Besuch aus Deutschland auch irgendwo Nutella und Süßigkeiten bedeutet. Schließlich ist dann also zuerst Judith gefahren, dann Elenas Schwester, nachdem sie noch mit Elena herumgereist ist,und schließlich auch Miriam. Und plötzlich war es dann zwar leerer, aber auch angenehm, dass sich ein Frühstück mal nicht über eine Stunde zieht und man wieder ganz in seinen gewohnten Alltag hereinkommen kann. Da ich diesen bereits schon geschildert, möchte ich lieber über Themen schreiben, die mich in den letzten drei Wochen sehr beschäftigt haben.

Beryl, Beatrice und Silvia

Beryl, Beatrice und Silvia

Osiep ist Luo und heißt Freund oder Freundin. Spreche ich von mehreren hänge ich ein e hinten dran und bekomme Osiepe. Meine Freundin ist Osiepna und wenn ich nach Deinem Freund frage sage ich „Osiepni en ng‘a?“, und genau das habe ich letzte Woche im Kindergarten getan, und wunderbare Antworten darauf bekommen.

Marion und Faith

Marion und Faith


Jedes Kind konnte mir mindestens einen, manche auch zwei oder drei Freunde nennen, und bei keiner dieser Freundschaften hatte ich das Gefühl, dass in irgendeiner Weise Eigennützigkeit dahinter stecken mag. Die Kinder spielen dann gemeinsam, sitzen im Unterricht nebeneinander, teilen die Stifte oder streiten sich darum, gehen schließlich gemeinsam zum Essen und wenn es Streit gibt, wird der beste Freund natürlich verteidigt. Sie sind also ganz wie Kinder auf der Welt, keine übertriebene Höflichkeit aber dafür auch keine geheuchelte Freundlichkeit. 

Emmanuel und Anthony

Emmanuel und Anthony

Und das tolle ist, dass sich die Kinder genauso auch mir gegenüber verhalten. Kein Knigge der Welt würde sie davon abhalten über meine Muttermale zu diskutieren, den Unterschied zwischen dem Duft meiner Haut (Sonnencreme) und ihrer festzustellen und Haare und Fingernägel genau unter die Lupe zu nehmen. Andersherum geschiet jedes Lächeln und jedes fröhliche „Kathalina“-Rufen nur um seiner selbst willen und auch wenn die Kinder Ballons und Süßigkeiten lieben und mich anfangs oft danach gefragt haben, würde sich keiner der Kinder als mein Freund bezeichnen um es zu bekommen. 

Leider ändert sich diese Einstellung mit der Zeit. Falsche Freunde findet man nicht nur in amerikanischen Teenie-Filmen, in denen es um Beliebtheit oder das Abschreiben von Hausaufgaben geht, sondern auch überall dort, wo Freundschaften die Regeln des Alltags bestimmen, und das ist hier leider häufiger als in Deutschland der Fall. In Deutschland, und dem größten Teil des Restes von Europa, ist, so wie Kant es gewünscht hat, eine Regel oder ein Gesetz das Maß für eine Handlung. Hier stehen, im Gegensatz dazu, die Menschen und die Beziehung zu ihnen im Vordergrund. In Deutschland wird ein Autofahrer, der nicht angeschnallt ist, immer gleich bestraft, hier kann man mit dem Polizisten reden, ihn davon überzeugen, dass man in einer außergewöhnlichen Situation war, oder ihm so sympathisch werden, dass er einen nicht mehr bestraft. Die ist auch ein Grund, wie Korruption überhaupt zustande kommen kann, denn welcher Polizist findet einen nicht sympathisch, wenn man ihm seinen halben Tageslohn in die Hand drückt. Ich möchte hier nicht pauschalisieren, denn sicherlich gibt es Korruption auch in Deutschland und auch hier Polizisten, die strickt nach Recht und Ordnung handeln, die Tendenzen gehen jedoch in die andere Richtung. Weil hier Beziehungen also einen anderen Stellenwert haben, werden sie, nach meinem Gefühl, erstens viel schneller ausgenutzt, und zweitens sind Freunde ziemlich käuflich. Für mich bedeutet das leider, dass ich sehr oft nach Geld gefragt werde. Ist das auf der Straße, von jemandem, den man nicht kennt der einfach glaubt, dass jeder Weiße fünf Flugzeuge besitzt, kann man sehr leicht nein sagen, lernt man jedoch irgendjemanden besser kennen und glaubt sich richtig gut zu verstehen, ist es umso enttäuschender, wenn die Schülerin aus dem Internat, mit der man sich eigentlich immer gut verstanden hat, einen nach Geld fragt, weil sie ja die „einzige gute Freundin“ von mir ist. Leider werde ich durch dieses vermehrte Fragen nach Geld, selber schon so verändert, dass ich skeptisch werde, sobald jemand das Thema auch nur ein bisschen anspricht und dass ich bei einer Einladung von einer nicht so bekannten Person oder Gruppe, skeptisch überlege, ob es um meine Anwesenheit geht, oder darum mich dort nach Geld zu fragen.

 

 

Trizah und ich bei Mwer dam

Trizah und ich bei Mwer dam

Umso glücklicher bin ich allerdings, dass ich gerade im Health Center ein paar wirklich gute Freunde gefunden habe, mit einigen albere ich dann viel herum, mit anderen führe ich gute Gespräche und wieder andere bringen mir verschiedenste Sachen bei. Was es natürlich ziemlich vereinfacht im Krankenhaus Freundschaften zu schließen, ist die Tatsache, dass das Personal dort häufig relativ jung ist und durch das College auch schon etwas mehr Weltoffenheit gewonnen hat. Auch meine beste Freundin hier, Trizah, arbeitet als Köchin im Krankenhaus und zu zweit verbringen wir sehr viel Zeit. Trizahs WohnungNachdem ich ihr in der Küche geholfen haben, spielen wir abends zum Beispiel Gesellschaftsspiele oder wandern zum Mwer dam, einem See hier in der Nähe. Da Uradi leider nicht unbedingt das Dorf ist, in dem man seine Zwanziger verbringen möchte, man mit zwanzig aber auch noch zu jung ist, seine eigene Familie zu gründen und es auch noch nicht so viele Krankenschwestern gibt, die in Uradi ihre Heimat haben, halten nicht wenige der jungen Mitarbeiter nach wenigen Jahren schon Ausschau auf einen neuen Job und viele haben die momentanen personellen Umstrukturierungen, die im

Trizah (mit Nachbarstochter Mary auf dem Arm) und ich beim Schweinewürfeln

Trizah (mit Nachbarstochter Mary auf dem Arm) und ich beim Schweinewürfeln

Krankenhaus momentan vor sich gehen, genutzt, um sich einen Arbeitsplatz an der Küste oder in einer großen Stadt

zu suchen. Für mich bedeutet das, dass einige Freunde gehen werden oder bereits schon gegangen sind. Für Trizah steht dies zwar noch immer nicht fest, aber für alle anderen, die bereits schon gegangen sind, war und ist es ein schwerer Abschied. Auch wenn man ihnen den besseren Arbeitsplatz wirklich von Herzen gönnt, macht es mich hier traurig zurück zu bleiben und nach einem halben Jahr wieder neue Freunde suchen zu müssen. Auf der anderen Seite habe ich so natürlich einen tollen Grund, durch das Land zu reisen und ein paar Freunde zu besuchen.

 

 

 

Ein anderes Thema, ist der so lang ersehnte Regen. Es wurde wirklich von Tag zu Tag trockener und heißer. Wie heiß kann ich nicht genau sagen, da das Thermometer im Haus angebracht ist, jedoch zeigte dieses Zeitweise 34°C und wenn man dann aus dem Haus ging, wurde es noch um einiges heißer. Zeitgleich sinkt natürlich die Luftfeuchtigkeit auf, nach meiner google-wetter-app, 0%. Das hat zur positiven Folge, dass es sich überhaupt nicht schwül anfühlt, trotzdem bin ich froh genug Röcke dabei zu haben, denn wenn man dann mal außerhalb des Hauses herumläuft, könnte man durch die Hitze dennoch meinen, das Ozonloch sei geplatzt.
Schließlich hat sich der Himmel dann aber dankenswerter Weise doch erbarmt und uns einige Gewitter geschickt. Auf Stromausfälle und Nächte, in denen ich wachgehalten werde von Blitz, Donner und der Angst, das Wellblechdach stürzt unter der Last des Regens ein, hätte ich verzichten können, aber es ist unglaublich angenehm, 

Termiten werden lebendig eingesammelt und später gebraten und gegessen.

Termiten werden lebendig eingesammelt und später gebraten und gegessen.

dass genug Wasser da ist, dass die Straßen nicht mehr staubig sind und sich das Graß wieder grün färbt und dass man morgens auch noch mit Strickjacke aus dem Haus gehen kann. Leider bringt der Regen auch mehr Insekten mit sich. Zwar nicht unbedingt Mücken, die durch den Regen am Starten gehindert werden, sondern vor allem Käfer und Tausendfüßer, die vermutlich in der Erde heranwachsen und durch den Regen aus ihren Höhlen kriechen können und auch müssen.
Folglich muss ich das Haus jetzt nicht mehr so oft putzen, weil so viel Staub hereingeweht kommt, sondern weil ich die ganzen Insekten herausfegen muss, die sich hier herein verirren und dann auf unerklärliche Weise sterben.
Ansonsten habe ich allerdings bis jetzt noch kein gefährliches Tier gesehen und freue mich deswegen sehr, dass der lang ersehnte Regen jetzt da ist.

Vierundzwanzigste bis sechsundzwanzigste Woche

Die letzten drei Wochen wurde mein Alltag vor allem von Besuch unterbrochen. Eigentlich hatten wir seitdem wir vom Zwischenseminar zurück sind keinen Tag ohne Besuch, zunächst war Alice noch da, eine Australierin, die ein Projekt leitet, in dem Einheimische über Gesundheitsthemen informiert werden. Schließlich stieß Father George dazu, ein Missionar, der aus Uradi kommt und momentan in Ghana lebt. Schließlich kam dann auch Judith, eine ehemalige Freiwillige von letztem Jahr. Und das war erst der Anfang vom ständigen Kommen und Gehen.

Aber fangen wir von vorne an: Freitag (13.2.) rief abends Madhe an und fragte, ob wir beim Tisch decken helfen können, da neben Father George und Judith noch 12 weitere Gäste zu uns kommen sollten. Diese kamen aus Kakamega für eine Festmesse am nächsten Tag. Den aufmerksamen Lesern dieses Blogs dürfte jetzt aufgefallen sein, dass ich in Kakamega meinen bisher schönsten Tag hier verbracht habe und in der Tat war diese Festmesse war eine Fortsetzung davon. Hier ist es so üblich, dass bei einer ordination oder final profess (oder einem Jubiläum davon) auf dem Grundstück der Familie auch noch eine Messe gefeiert wird, und wir kamen leider nicht drum herum, auch dorthin zu gehen. Wie eine solche Festmesse aussieht, habe ich schon beschrieben, da ich bereits auf einigen solcher Messen war, allerdings hatte ich hier das Gefühl, dass um einiges mehr getanzt wurde, da die Flowergirls vor der bevorstehenden Fastenzeit nochmal alles zeigen wollten, was sie können. Gemeinsam mit denen sind wir dann auch auf der Ladefläche von Father Oscars Pick-up zurückgefahren. Das, und die Aussicht darauf, dass wir in den nächsten Wochen vor solchen Festmessen verschont bleiben, machten diesen Tag dann doch noch ganz erträglich.

Sonntagmorgen habe ich dann direkt nach dem Aufwachen etwas Wunderbares feststellen dürfen. In meinem letzten Bericht habe ich geschrieben, wie sehr wir auf den Regen gewartet haben und dass einem auch ein immer wunderbar blauer Himmel auf die Nerven gehen kann. Sonntagmorgen war der Himmel dann tatsächlich endlich Bewölkt. Auch wenn es an dem Tag dann nicht direkt geregnet hat, bereitete die Hoffnung darauf mir dann doch eine richtig gute Laune.

Montag bin ich dann früh aufgestanden um mit Mama Flora nach Kisumu zu fahren. Dort sollte nämlich der nächste Besuch kommen, mein Besuch. Anno, ein guter Freund von mir, hat uns für die folgenden zwei Wochen in Uradi Gesellschaft geleistet. Da der natürlich auch den anderen Freiwilligen vorgestellt werden muss, es Rosenmontag war und man nach zwölf Stunden Flug und sechs Stunden Mama Flora noch nicht müde genug ist, wurden wir bei der Ankunft in Uradi direkt von den anderen Freiwilligen in Empfang genommen und mit etwas Fanta und viel Cola haben wir dann den Abend verbracht. Dienstag wurden wir dann alle recht unsanft geweckt, denn endlich kam der so lang ersehnte Regen mit einem heftigen Gewitter vom Himmel gefallen.
Mittwoch ging es dann natürlich in die Aschermittwochsmesse und so voll wie an diesem Tag habe ich die Kirche noch nie erlebt. Tatsächlich lag das an der Anwesenheit von zwei Secondary- und vier Primary-Schools und dem ganzen Kindergarten. Es war wirklich sehr ungewohnt, dass zu keinem einzigen Lied geklatscht wurde und dass es keine Trommeln und keine Rasseln zum Gesang gab.

Die Restlichen anderthalb Wochen haben wir dann mit Besuchen in Bussia und Kakamega verbracht. In Kakamega gibt es nämlich nicht nur ein Kloster, zu dem man für irgendeine Festmesse fahren muss, sondern auch einen Regenwald. Eigentlich zog sich dieser Regenwald mal komplett von der West bist zur Ostküste, inzwischen gibt es allerdings nur noch einige Teile davon, und einer davon ist in Kakamega. Neben vielen großen und alten Bäumen gibt es dort vor allem viele Affen, die man vor allem bei einem Sonnenaufgangsspaziergang sehen kann.
Da Anno natürlich auch sehen wollte, was ich in Uradi mache, habe ich ihn dort auch mal mit zum Clinic Day ins Krankenhaus und in den Kindergarten genommen, in dem sich die Kinder gefreut haben, dass dort endlich mal einer ist, der sie alle auch mehrmals hochheben kann.
Außerdem kamen in der zweite Woche noch ein paar weitere Besucher: Tina, eine ehemalige Freiwillige, mit ihren Eltern, und Miriam, die gemeinsam mit Judith in Uradi war.
Sonntag ging es dann wieder zurück nach Kisumu. Da der Flug erst abends ging, hatten wir aber noch den ganzen Tag Zeit, um Postkarten zu suchen, um diese dann bei einem späten Mittagessen zu schreiben, um schließlich dann rechtzeitig am Flughafen zu sein und dort noch zwei Stunden auf den Abflug zu warten.

Am nächsten Morgen in Kisumu musste ich dann noch mein Visum verlängern. Eigentlich ist das Work Permit schon fertig, da es aber noch nicht abholbereit ist, und meine erste Verlängerung einen Tag später abgelaufen wäre, bin ich Montagmorgen so früh wie möglich ins Immigration-Office gegangen und habe mein altes Visum ohne Schwierigkeiten verlängert.
Bis ich also letztendlich das Work-Permit abholen kann, bin ich also ganz legal hier und kann den Alltag genießen.

Zweiundzwanzigste und dreiundzwanzigste Woche

Wer in einem Englischwörterbuch nach einer Übersetzung für das deutsche Wort „Kindergarten“ sucht, wird feststellen, dass dieses Wort zu den wenigen Wörtern gehört, die aus dem deutschen ins Englische übernommen wurden. Wenn uns Father Oscar jedoch abends fragt, was wir den Tag über gemacht haben, fällt es mir schwer zu sagen, dass ich im Kindergarten war, denn bis auf die Bezeichnung hat der Kindergarten hier nichts mit dem Kindergarten zu tun, den ich aus Deutschland kenne. So wie ich es in Erinnerung hatte, wurde ich von meiner Mutter hingebracht und hatte dabei nichts anderes als mein Frühstück in meinem Rucksack. Den ganzen Vormittag durfte ich mich dann so beschäftigen, wie ich wollte und aus einem großen Angebot an Spielen und kreativen oder sportlichen Aktivitäten auswählen, zunächst drinnen in einer Gruppe von ca 20 Kindern auf 2 Erzieherinnen, und anschließend draußen mit allen drei Gruppen gemeinsam, bis ich dann mittags irgendwann abgeholt wurde. Lediglich in einem Stuhlkreis für eine halbe Stunde am Tag wurde etwas mit der ganzen Gruppe zusammen unternommen. Meine Gruppe hieß Löwengruppe, neben der Mäuse und der Bärengruppe, den beiden anderen Gruppen in meinem Kindergarten. Ich vermute jede Kindergartengruppe in Deutschland hat einen Namen, an den man sich noch nach Jahren erinnern kann, seien es Tiere, Pflanzen, oder niedliche Komposita wie Regenbogen, Sternschnuppe oder Sonnenschein. Ich nehme an, dass sich die meisten in meinem Alter an eine solche Kindergartenzeit erinnern, und vielleicht auch solche, die etwas älter oder etwas jünger als ich sind. Und alle diejenigen werden nach meiner nun folgenden Schilderung auch verstehen, dass es mir schwer fällt, diese Institution hier als Kindergarten zu bezeichnen. Zum Glück habe ich in meinem Englischunterricht noch ein anderes Wort für Kindergarten gelernt: Nursery School. Das Wort heißt laut Wörterbuch zwar genau dasselbe, jedoch fällt es mir um einiges einfacher, diese Institution als Schule (übrigens ein Wort, das vom Deutschen ins Swahili übernommen wurde) zu bezeichnen, denn genau das ist es, eine Vorschule. Der Besuch einer dreijährigen Vorschule ist hier Voraussetzung für den Besuch der Grundschule. Deswegen kommen jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr Kinder ab dem dritten Lebensjahr, oft in Begleitung von Geschwistern oder Nachbarkindern, in der Vorschule an. Diese ist unterteilt in Baby-Class, Middle-Class und Pre-Unit. In der Pre-Unit werden dieses Jahr 40 Kinder unterrichtet, und da die Lehrerin große Ziele für das Jahr hat, bis zum Ende des Jahres sollen alle lesen und schreiben können, helfe ich seit diesem Jahr hier mit. Letzte Woche wurde viel neues Arbeitsmaterial gebastelt; ein Namensschild für jedes Kind, damit es lernt seinen Namen zu schreiben, und außerdem für jedes Kind eine Pappe, auf dem die Zahlen bis Zwanzig und das Alphabet stehen. Während ich fleißig die Pappe schneide, bekommen die Kinder Unterricht. Jeden Tag wird ein Buchstabe gelernt, dazu drei Begriffe, die mit dem Buchstaben anfangen und schließlich eine Zahl. Dann ist die Aufgabe für die Kinder, alles in ihre Englisch und Mathematikhefte abzuschreiben und es zum Korrigieren nach vorne zu bringen. Dabei helfe ich dann auch immer gerne, wenn ich nicht mit einer Klinge die Stifte anspitze, die irgendwie jede Stunde aufs neue alle abgebrochen sind. Ungefähr um Elf Uhr gibt es Porridge für die Kinder, das ist dann gleichzeitig verbunden mit einer kleinen Pause, in der sie sich dann Austoben können und mit alten Autoreifen als einzigem Spielzeug über die Schulwiese rennen. Anschließend müssen einige Kinder noch die Arbeit vom Morgen beenden, und dann geht es weiter mit einem etwas Kreativerem Punkt. Mal wird geknetet, mal gesungen, mal schafft man es auch gerade nur, vor dem Mittagessen die Anwesenheitsliste durchzugehen. Während die Kinder dann ihren Reis mit Bohnen verspeisen, wird der Klassenraum umgeräumt in einen Schlafsaal. Die Kinder aller drei Klassen schlafen dann einfach überall; auf den Tischen, auf den Stühlen, oder auf dem Boden auf Matten. Währenddessen kann ich natürlich nicht mehr helfen, weswegen ich dann selbst zum Mittagessen aufbreche.
Nach drei Tagen in dieser Vorschule und zwei Tagen beim Clinic Day und dazu bei etlichen anderen Treffen, war ich ziemlich froh, als dann Wochenende war und ich nichts anderes machen musste, als meine Wäsche zu waschen.
Da diese Woche alle Pappschilder fertig gebastelt waren, hat mich Josephine gefragt, ob ich nicht auch ein Lied hätte, um es den Kindern beizubringen und auch wenn ich nur einen Deutschen Text kenne, wird diese Klasse in zwei Monaten sicher gut „Gottes Liebe ist so wunderbar“ singen (und tanzen) können.
Heute wurde mir in der Vorschule dann richtig viel zugetraut, nämlich eine ganze Klasse. Josephine hat in ihrer Familie einen Krankheitsfall und musste deswegen schon um zwölf gehen. Dass eine der drei Lehrerinnen nicht da ist, kommt nicht so selten vor, und im Normalfall werden dann zwei oder sogar drei Klassen zusammengelegt. Heute hat Josephine dann aber gefragt, ob ich den Kindern nicht einfach die Legosteine geben kann und sie dann spielen lasse. Das hört sich sehr einfach an, jedoch spielen die Kinder hier so selten Lego, dass sie es dann natürlich auch richtig ausnutzen wollen, und jeder die meisten oder die schönsten Steine haben will. Dass die Stimmung bis zum Mittagessen dann also teilweise sehr aggressiv war, kann man sich wohl denken. Das Problem war auch, dass das Essen an diesem Tag komplett drinnen ausgegeben wurde, da in Homa Bay county, südlich von Kisumu, Cholera ausgebrochen ist und dies eine vorbeugende Maßnahme sein soll. Ich war also wirklich froh, als der Klassenraum dann letztendlich zum Schlafraum umgebaut wurde.
Der Choleraausbruch ist eine Folge der Trockenheit. Seit Weihnachten kenne ich in Uradi nur ein Bild, Sonnenschein mit einem blauen, wolkenlosen Himmel. Tagsüber ist es in der Sonne sehr heiß, jedoch spürt man die Hitze kaum, da die Luft sehr trocken ist und die Hitze sich deswegen, nicht so wie an der Küste, überhaupt nicht staut. Trotzdem ist dieser Sonnenschein nach zwei Wochen überhaupt nicht mehr schön. Nicht nur, dass man das Gefühl hat, eine gute Laune Stimmung aufgedrückt zu bekommen, sondern auch die Tatsache, dass das Wasser immer weniger und die Straßen immer staubiger werden. Vor unserem Haus sieht es aus wie im Herbst, da alle Bäume ihre Blätter verlieren, und jede Wiese ist nur noch ein braunes Feld. Das schlimmste ist jedoch der Wassermangel. Jedes Mal zum nächsten Wassertank zu laufen um Wasser zu holen ist nicht schlimm, wenn auch lästig, aber wenn Krankheiten ausbrechen, weil Menschen verunreinigtes Wasser trinken, merkt man, was für schlimme Folgen so eine Trockenheit haben kann.
Ihr braucht euch jetzt allerdings noch keine Sorgen um mich zu machen, denn Cholera ist eine leicht zu behandelnde Krankheit und außerdem wird hier in Uradi gerade eine Wasserleitung ausgebaut.
Obwohl jetzt wieder irgendwoher Wasser in unsere Tanks gepumpt wurde, freuen wir uns, dass Father Oscar uns mit der Bauernregel vertraut gemacht, dass es spätestens an Aschermittwoch wieder regnet.

Zwischenseminar

Dieses Mal ist es nicht nur zwei, sondern ganze drei Wochen her, dass ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Der Grund dafür ist das bereits angekündigte Zwischenseminar und wie es bei den FSD-Freiwilligen fast schon Tradition ist, wurde dies mit einem Urlaub auf Sansibar verbunden. Da unser Seminar leider sehr spät lag, haben wir den Urlaub, anders als unsere Vorgänger, schon vorher gemacht.
Montag Mittag sollte der Flug in Kisumu gehen, da Father Oscar allerdings ohnehin nach Kisumu musste, nahmen wir die Mitfahrgelegenheit wahr und fuhren schon um fünf Uhr morgens los. Nach längerer Wartezeit ging es dann, gemeinsam mit den vier Freiwilligen aus Sega, über Nairobi nach Dar es Salaam, und als es schon längst dunkel war, kamen wir in dem Hostel an, in dem wir geschlafen haben, bevor wir am nächsten Morgen die Fähre nach Sansibar nahmen. Dort wiederum trafen wir auf Max und Sofia, die wir von unserem Vorbereitungsseminar kannten und die momentan in Tansania ihren Freiwilligendienst machen. Zu acht fuhren wir nun also an die Ostküste der Insel und kamen so früh an, dass wir dann auch endlich in den türkisblauen Ozean springen konnten. Die nächste Woche war dann sehr entspannend, aber auch recht unspektakulär, wobei wir gemeinsam mit Max und Friederich aus Sega und später dann auch Ricci und Fela aus Bondo eine recht lustige Gruppe waren.
Am Dienstag, eine Woche später, mussten wir die Insel dann wieder verlassen, um in das etwas Südlich von Dar es Salaam gelegene Mbagala Spiritual Center zu fahren, in dem das Seminar stattfand. Dieses war mindestens so gut wie der Urlaub, denn neben für ostafrikanische Verhältnisse fast schon luxuriösen Zimmern und einer ausgezeichneten Küche, gestalteten die drei Teamer mit uns ein wirklich gutes Programm, das sich nach unseren Themenwünschen richtete.
Donnerstag ging es dann mit dem Flugzeug zurück nach Kisumu. In Nairobi wollte man uns erst nicht in das Land lassen, da wir bereits ein Touristenvisum und eine Verlängerung hatten, aber mit ein bisschen small talk auf Luo kamen wir dann schließlich doch ins Land rein.
Auf dem Weg vom Flughafen in Kisumu zurück nach Uradi, konnte ich dann direkt sehen, dass der Lehrerstreik vorbei war, denn es machte fast den Eindruck, als seien auf den Straßen mehr Schüler und Schülerinnen unterwegs, als im November, bevor die Ferien begonnen haben.
Die Straßen verrieten mir aber auch etwas anderes: die ganze Zeit während ich in Tansania war, hatte es hier kein einziges Mal geregnet. Überall sieht man Menschen, die auf ihrem Kopf oder in Schubkarren Wasserkanister transportierten und die Straßen sind so staubig, dass man keinen Kilometer gehen muss, damit die Füße braun sind. Als ich dann in Uradi ankam, erkannte ich den Parishground kaum wieder. Die Bäume haben teilweise die Blätter verloren, wie wenn in Deutschland der Herbst anfängt und an den wenigen Stellen, an denen keine Blätter liegen, ist das Gras braun und trocken. Auch wenn bis jetzt noch Wasser in den Tanks ist, bleibt zu hoffen, dass es bald regnet, damit gar nicht erst eine Wasserknappheit beginnt.
Freitagmorgen, als ich dann endlich wieder in den Kindergarten gehen konnte, war ich richtig froh, dass sich die Kinder noch an meinen Namen erinnerten und sie auch sonst ganz froh schienen, mich zu sehen. Mein Luo habe ich in letzter Zeit auch schon so gut ausgebaut, dass ich mich recht viel mit ihnen unterhalten kann und sie dann umgekehrt auch viel mehr Spiele mit mir gespielt haben.

Ich bin also froh wieder hier in Uradi zu sein und freue mich auf die nächsten Monate hier.