Acht Wochen wieder im Land…

…und so langsam aber sicher, kann ich schließlich behaupten, angekommen zu sein, also kommt hier nun die angekündigte Fortsetzung.

Auf dem Hinflug, soviel weiß ich noch, habe ich mir den Disney-Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 angeschaut, auf dem Rückflug wurde es dann die neuste Verfilmung dieses Märchens. So schließt sich also der Kreis und ich stelle fest, dass mein Filmgeschmack schon mal nicht zu den Sachen gehört, die durch das Jahr maßgeblich verändert wurden.

Neben mir sitzt eine junge Dame, etwa zehn Jahre älter als ich, und in den letzten drei Stunden vor der Landung kommen wir ins Gespräch. Sie ist zufällig auch aus Deutschland, aber als Kind von zwei Entwicklungshelfern die ersten Zehn Lebensjahre in Tansania aufgewachsen, und war nun als Tourist für zwei Wochen dorthin zurückgekehrt. Sie erzählt mir, wie auf dieser Reise, keiner ihrer Flüge geplant geklappt hat: der erste Flug verspätet, aus dem zweiten schon rausgebucht, den dritten deswegen nicht mehr erwischt, das Gepäck verschollen, nur ganz knapp diesen Rückflug bekommen, dem nur ganz wenig später der nächste Flug folgen sollte. Sie erzählt das Ganze mit einer Gelassenheit, ganz ohne Aufregung, fast schon mit Witz, und damit meine ich keinen Spott über Fluggesellschaften, sodass ich ihre Ruhe vor einem Jahr nicht einmal ansatzweise verstanden hätte. Und heute? Ich kann sie voll und ganz verstehen. Was nützen denn schon die Sorgen um die Vergangenheit? Wieso sollte man sich über etwas Geschehenes aufregen, wenn es sich ohnehin nicht mehr ändern lässt? Warum muss man sich Stressen, wenn man dadurch ohnehin nicht schneller ist, als wenn man es ganz in Ruhe angeht? Vermutlich habe ich gelernt, etwas Vergangenes so hinzunehmen wie es ist, und bei etwas Zukünftigem, das ich genauso wenig ändern kann, auf Gott zu vertrauen und mich vor allem nicht zu stressen.

Das Flugzeug landet schneller als erwartet. Ich frage noch schnell nach dem Namen meiner Nachbarin, die jetzt schnell aufsteht um in weniger als einer Stunde durch alle Sicherheits- und Passkontrollen zum Anschlussflug zu gelangen. Ich habe da ja zum Glück ein wenig mehr Zeit in Amsterdam, bevor mein Anschlussflug nach Düsseldorf startet, und kann also warten, bis alle anderen Fluggäste ausgestiegen sind, um dann meine sieben Mitfreiwilligen wiederzufinden. Es geht also durch einen Sicherheitscheck, einen „Nacktscanner“ und eine Passkontrolle, bis wir schließlich diese alt bekannte und irgendwie doch vergessene Welt wieder betreten dürfen. Jeder von uns schnappte sich also einen wirklich schönen Handgepäck-Wagen, um damit durch den Flughafen zu cruisen. Hier ist ein Laden, der nur Schokolade verkauft, und dort gibt es eine riesige Käsetheke. Der Geldautomat gibt Euros, und von den vielen Frühstückbars, die es hier gibt, ist jede die „gesündeste“, „fairste“ oder „biologischste“, und selbst wenn man sich dann mal für eine entschieden hat (ganz einfach die nächste an unserem Gate), muss man noch mit der riesigen Auswahl an heißen und kalten Getränken, süßem und herzhaften Gebäck, an Süßigkeiten und Obst fertig werden. Da ich mich nicht entscheiden kann, ob ich lieber einen Tee mit weißem Zucker, mit braunem Zucker, ohne Zucker oder mit Süßstoff trinken soll, oder doch einen Kaffee mit Soja- oder fettarmer Milch nehme, entscheide ich mich schließlich für ein einfaches Croissant. Kenya-shilling stehen nicht auf der Liste, die die zwanzig Währungen zeigt, die in diesem Laden angenommen werden. Also bezahle ich mit Dollar einen Croissant, für einen Preis, für den ich In Kenia ein ganzes Frühstück für zwei Personen hätte bekommen können. Und nachdem ich den aufgegessen, die Zähne geputzt und die Leggins schließlich wieder gegen den Rock getauscht hatte, hieß es also warten.

Als ich morgens um halb sechs aus dem Flugzeug gestiegen war, war die Sonne gerade am Aufgehen. Drei Stunden später, war die Sonne nun noch immer noch nicht so ganz aufgegangen. Es war schon ein ausgesprochen komisches Gefühl, und irgendwie wurde ich auch ungeduldig, denn in Kenia war ich schließlich gewöhnt, dass die Sonne nach zwei Stunden so hoch steht, dass sie sich nicht mehr in meinem normalen Blickfeld befindet. Aber das ist wohl nur eine Sache, an die ich mich jetzt gewöhnen muss.

Um Zwölf war es dann schließlich so weit, und wir starteten unsere letzte Etappe nach Düsseldorf. Dort ausgestiegen ging es erstmal zum Gepäckband, in einer riesigen orangenen Halle, in der riesige Werbeplakate hingen, deren Werbung so blöd war, dass ich mich heute noch an die Marke erinnere. Als wir dann endlich unsere Koffer hatten, kam dann der nächste schwere Abschied. Noch bevor wir durch die Türen zu Familien und Freunden gingen, wurde zunächst einmal jeder meiner Mitfreiwilligen umarmt und gleichzeitig die besten Wünsche auf für die nächste Zeit gewünscht.
Hinter der Tür wurde ich dann empfangen, von meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinem Freund Anno und meiner besten Freundin Julia. Dann ging es nach Hause. Auf dem Weg sah alles gleich aus. Das Parkhaus am Flughafen, wo das Auto stand, sah genauso aus wie letztes Jahr, als wir hier parkten, um mich wegzubringen. Die Autobahn und jede weitere Straße sah aus wie immer, ich hatte sie genauso in Erinnerung, als wäre ich am Vortag erst da gewesen. Natürlich ist das logisch, wieso sollte sie sich auch verändert haben, trotzdem gibt mir alles das Gefühl, als wäre ich nie weg gewesen, als sei das vergangene Jahr nur ein Traum gewesen, aus dem ich nun leider aufgewacht bin, als hätten die staubigen Straßen, voll mit Hubbeln und Schlaglöchern, auf denen Fahrräder zwischen großen Lastwagen, Kindern in Schuluniformen und Frauen mit Babys auf dem Rücken fahren, und bei denen man sich nicht wundert, wenn man auf einem Motorrad vier Personen mit zehn Hühnern, einer Ziege und fünf Stangen Zuckerrohr im Gepäck sieht, als hätte all die Matatus, die Pikis und all das andere nur in meinem Kopf existiert.

Nach fünfzig Wochen betrete ich also wieder unser Haus. Von außen sieht man keinen Unterschied und auch mein Zimmer hat sich kaum verändert, lediglich ein paar Sachen sind an einem anderen Platz, nachdem das Zimmer während meiner Abwesenheit als Gästezimmer genutzt wurde. Im Wohnzimmer allerdings gibt es einige neue Möbel. Zum Glück! Endlich mal etwas, das sich verändert hat; ich bin schon richtig froh, als ich beim Tischdecken das Besteck nicht auf Anhieb finde.
Erstmal wird der „Willkommen zu Hause“-Schokoladenkuchen, den meine Schwester gebacken hat, gegessen und anschließend gibt es noch ein Eis. Bei einem Familientreffen bei Stapels sehe ich auch Father Oscar wieder und weil die Hin- und Rückfahrt natürlich mit dem Fahrrad bewältigt wird, kann ich, nach fast einem Jahr, endlich wieder in den Genuss des Radfahrens kommen. Am späten Abend ging es dann noch auf die Geburtstagsparty von Constanze, die mich wohl am stürmischsten von Allen begrüßt hat. Schließlich fiel ich dann nach einem 41-Stunden Tag ins Bett.

Am nächsten Tag ging es dann in die Messe, und ich musste feststellen, dass diese nicht, wie ich zum Ende meines Aufenthaltes behauptet hätte, genauso wie die in Kenia ist. Anstatt den Kindern, die wirklich jede Ecke der Kirche ausfüllen, gibt es hier nur leere Bänke, auf denen es ab und an Flecken von überwiegend älteren Leuten gibt. Im Vergleich zu Kenia ist das ein wirklich trauriges Bild.
In ganz Kenia gibt es nicht viele Orgeln, vielleicht eine in Nairobi, eine in Mombasa, und ein paar weitere verstreut in andere größere Kirchen, aber niemals in einer, in die ich als Freiwillige jemals zufällig gelangt wäre (übrigens auch nicht in der Kathedrale von Kisumu). Obwohl ich also die Stimmung, die durch die Trommeln und die Rasseln entstanden ist, sehr mochte, und ich auch die Orgelklänge auf dem Key-Board tolerieren konnte, vermisste ich nach spätestens einem halben Jahr eine richtige Orgel doch schon so sehr, dass ich mich an Ostern fast schon sehnsüchtig zum Fernseher umdrehte, als in einem kurzen Nachrichtenausschnitt die Kathedrale von Nairobi gezeigt wurde, während die Orgel dort zu hören war. Doch als ich wieder in Lülsdorf war, und die Töne der Orgel in mir nichts anderes hervorgerufen haben als eine traurige Beerdigungsstimmung, sehnte ich mich umgehend wieder nach der Stimmung, die niemals so gut erzeugt werden kann, wie es in Kenia durch die Trommeln und die Rasseln der Fall ist.

Nach der Messe ging es dann weiter zum Pfarrfest in Mondorf, auf dem unter anderem die 40-jährige Partnerschaft gefeiert wurde. Es war sehr schön, die Meisten des Uradi-Arbeitskreises, aber auch viele Ehemalige Freiwillige wiederzusehen.

Montag ging es dann auch direkt zur Uni, um mich für Jura einzuschreiben. Lustigerweise habe ich Julia getroffen, die ich vom Vorbereitungsseminar kannte, und die nur wenige Tage vor mir von ihrem Weltwärts Jahr aus Ecuador zurückgekommen ist, was natürlich sofort Gelegenheit zum Unterhalten geboten hat.

Dienstags ging es mit Father Oscar ins Siebengebirge und es war ziemlich lustig, ihn in einer ganz anderen Umgebung zu erleben, als ich es aus Kenia gewöhnt war.

Und so gingen die nächsten Wochen dann weiter. Veranstaltungen, um das Jahr zu besprechen, wie das Abschlussgespräch bei Dominik, weitere Treffen mit Father Oscar, Veranstaltungen, die sich auf meine Zukunft bezogen, vorbereitend für das Jurastudium, Treffen mit Freunden und Bekannten, die so ablaufen, als wäre ich niemals weg gewesen und dazwischen immer Mal wieder kurze Zeit zum Nachdenken, um zu Reflektieren. Zwei Wochen nachdem ich angekommen bin, ist Father Oscar wieder nach Kenia geflogen, und einen Tag später auch unsere Nachfolgerinnen.
Ungefähr zu der Zeit, hörte auch der Sommer auf, sommerlich zu sein, und nach anderthalb Jahren musste ich widerwillig meine Wintersachen anziehen, und lernen, dass ich trotzdem friere.
Mitte September Stand dann noch das letzte Seminar, das Rückkehrseminar an. Wie immer waren alles sehr nette Leute. Endlich gab es mal am Stück Zeit und überhaupt Gelegenheit, über das Jahr zu sprechen, sich auszutauschen, erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, aber auch sehr viele Unterschiede festzustellen. Natürlich wurde auch viel über Themen gesprochen, wie man sich weiter engagieren könne, wie es allgemein weiter geht und wie man sich wieder eingelebt hat. Wenn Das Studium nicht so früh beginnen würde, hätte dieses Seminar noch ein paar Wochen später sein können, denn so ganz beendet ist das Jahr für mich noch immer nicht, und ich denke weiterhin darüber nach, als sei es erst gestern vorbei gewesen. Vielleicht wird es mir mit der Zeit, die vergeht, sogar wieder präsenter, als an den Tagen kurz nach meiner Rückkehr.
Ich denke, dass dieser Eintrag erst so spät erscheint, durch die voraussehbare Arbeit des Studiums und damit verbundene geringere Freizeit vielleicht sogar eher gezwungen als geplant, zeigt am besten, wie lange es sich gezogen hat und wie schwer es dann doch für mich war, hier in Deutschland wieder meine Strukturen zu finden und mich richtig einzuleben.
Noch immer bin ich damit beschäftigt, die Ordnung in meinem Zimmer wieder an mich anzupassen, obwohl mein Koffer schon lange ausgeräumt ist, und noch immer muss ich mich dazu zwingen, mich um Pünktlichkeit zu bemühen, auch wenn ich die Gelassenheit, die ich aus Kenia mitgebracht habe, eigentlich nicht verlieren möchte. Genauso musste mein Kleiderschrank umgeräumt werden, denn obwohl ich meine luftigen Kleider und Röcke gerne noch länger angezogen hätte, war ich dann schließlich doch gezwungen, meinen Herbst- und Wintersachen einen größeren und auch vorderen Platz in meinem Schrank einzuräumen.
Immer wieder denke ich auch an Kenia zurück, überlege, was dort gerade passiert, dass der Kindergarten wieder öffnet, und der dritte Term des Jahres dort bald sogar schon vorbei ist. Durch die neuen Freiwilligen bekomme ich mit, ob die Schulen dort streiken, oder auch was im Krankenhaus passiert. In ihren Berichten kann ich sogar wiedererkennen, wie ich selbst in meinen ersten Wochen dort war, und welche Eindrücke ich vor einem Jahr von den Menschen und der Kultur dort hatte, und bemerke natürlich noch einmal mehr, wie sehr diese sich dann über das Jahr korrigiert haben, oder sich vielleicht sogar voll und ganz ins Gegenteil umgewandelt haben.

Natürlich genieße ich es, wieder unter einer warmen Dusche stehen zu könne. Ich bin froh, meine Freunde und meine Familie wieder um mich zu haben, und habe letztendlich ja auch eingesehen, dass ich für immer in Kenia nicht glücklich werden könnte. Dennoch gibt es einige viele Momente, in denen ich mich wieder nach Kenia zurück träume, in denen ich meine warme Dusche und das gute Essen hier sofort gegen Ugali mit grünem Matsche-Gemüse und kaltes Wasser zum Waschen eintauschen würde. Ich freue mich ungeheuer aufs Studium, aber manchmal sehne ich mich auch zurück in das überwiegend unbeschwerte Leben, dass ich Kenia als Freiwillige hatte. Ich genieße den Herbst, mit dem Geruch der welkenden Blätter, mit der Dunkelheit, die es drinnen noch um einiges gemütlicher macht, die überhaupt erst die Möglichkeit bietet, Martinszüge mit Laternen zauberhaft aussehen zu lassen, und die es lohnenswert macht, sein Haus an Weihnachten mit hell leuchtenden Lichterketten zu schmücken, aber ich vermisse auch die Sonne Kenias, die zuverlässige Wärme, die uns 18°C, bei denen wir manchmal morgens zum Frühstück gehen mussten, schon als kalt bezeichnen ließ, und dazu 13 Stunden Helligkeit schenkte.

Ich bin keine Freiwillige, die von sich behauptet, dass sie durch dieses Jahr total verändert wurde. Man kann mir auch nicht ansehen, dass ich so viel davon mitgenommen habe, indem ich plötzlich nur noch barfuß herumlaufe, alles mit der Hand esse, oder immer irgendwelche „afrikanische“ Kleidung trage und die meisten Leute die ich getroffen habe, haben sogar bemerkt, dass ich kaum braun geworden bin (bei einer im Zenit stehenden Sonne werden eben nur Nase, Ohren, Schultern und Füße braun). Dennoch behaupte ich, und ich hoffe in den Kommentare jetzt nicht nur Widersprüche zu finden, dass dieses Jahr nicht ganz spurlos an mir vorbei gegangen ist. Man mag das vielleicht nicht direkt merken, wenn man sich kurz mit mir unterhält, aber mit der Zeit, und da bin ich mir absolut sicher, wird sich heraus kristallisieren, was ich neben Kleidern und Zuckerrohr aus Kenia mit nach Deutschland gebracht habe.

Am Ende dieses Beitrages, der vermutlich ebenso unordentlich ist, wie die Gedanken in meinem Kopf, möchte ich noch einigen Leuten danken.
Als erstes sind das Alle, die gespendet haben. Ohne diese finanzielle Unterstützung, wäre das Jahr sicherlich nicht so möglich gewesen, und auch insgesamt hätte das Programm „Weltwärts“ keine Zukunft.
Als nächstes danke ich den Mitgliedern des Uradi-Arbeitskreises, die sich nun seit 40 Jahren für die Partnerschaft engagieren, und die damit nicht nur den Freiwilligeneinsatz in Uradi und den anderen Dörfern initiiert haben, sondern uns auch während des Jahres mit Rat, Anregungen und Interesse zur Seite standen.
An dieser Stelle gilt natürlich auch ein großer Dank Dominik und dem gesamten FSD, der uns bei Problemen immer bestmöglich unterstützt hat, und auf den wir uns eigentlich immer, gerade auch bei den Problemen mit dem Visum, verlassen konnten.
Ein großer Dank geht auch an meine Mitfreiwilligen, vor allem natürlich an Elena. Ich habe natürlich viele Freunde in Kenia gehabt, aber dennoch tat es immer gut, auch mit jemandem zu reden, der genauso sozialisiert ist wie ich und der mich einfach versteht, wenn ich die Leute dort nicht mehr verstehe.
Zum Schluss danke ich natürlich noch meiner Familie, meinen Freunden und allen anderen, die mich aus Deutschland unterstützt haben, und die durch Emails, Kommentare, Briefe und auch durch das Lesen dieses Blogs Interesse an meinem Aufenthalt gezeigt haben.
Also:

VIELEN DANK!!